ZUKUNFT DES WOHLSTANDS – Editorial 1/2019

ZUKUNFT DES WOHLSTANDS – Editorial 1/2019

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
über die Zukunft des Wohlstandes nachzudenken, ist für unsere Disziplin – die Zukunftsforschung – nicht zuletzt deshalb eine Herausforderung, weil schon über seine Geschichte und Gegenwart kein Konsens besteht: Die Reichen werden reicher, die Armen zahlreicher, sagen die Pessimisten. Andere – etwa der 2017 verstorbene schwedische Gesundheitspolitiker Hans Rosling – zeigen aufgrund von Statistiken, dass sich die Anzahl der Menschen, die global in extremer Armut leben, in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert hat. Mit diesen kontroversen Positionen ist noch nichts über die Zukunft gesagt, es sei denn, man extrapoliert die bisherige Entwicklung – sei es nun die optimistische oder die pessimistische. Im Kontext der Zukunftsforschung ist das Denken in Varianten linearen Extrapolationen allerdings vorzuziehen.

In der Regel wird Wohlstand mit ökonomischen Faktoren in Verbindung gebracht; etwa mit dem Bruttosozialprodukt pro Kopf. Aber Wohlstand hat auch mit Lebensstandard und individuellem Glück zu tun, die wiederum mit guten Bildungszugängen, funktionierenden staatlichen Organisationen, einer möglichst geringen Reproduktion von sozialer Ungleichheit in Verbindung stehen. Zudem ist der Wohlstandsbegriff genuin demokratisch: Und wenn wir von Wohlstand sprechen, meinen wir nicht denjenigen von kleinen Herkunftseliten, sondern denjenigen der Mehrheit. Entsprechend ist das Konzept des Wohlstands stark an sozioökonomische Mittelschichten gekoppelt.

Die Autoren und Autorinnen skizzieren verschiedene Perspektiven und Szenarien eines zukünftig möglichen Wohlstandes: Rudolf Minsch – Chefökonom von economiesuisse – vertritt in seinem Artikel die Position, dass die Globalisierung zu Unrecht dämonisiert wird: Die Globalisierung hat weltweit wesentlich zur Reduktion von Armut beigetragen. Die Zukunftsforscherin Martina Kühne – Mitbegründerin von «kühne wicki – future stuff» – beleuchtet in ihrem Bei- trag, wie der Wertewandel in westlichen Gesellschaften den Luxus und die Distinktionstechniken verändert. Der Innovationsexperte Daniel Huber vertritt in seinem Artikel die These, dass wir uns in Zukunft von einer Mangel- zu einer Überflusswirtschaft entwickeln: Aufgrund der Robotisierung werden die Produktionskosten von Produkten massiv gesenkt, Arbeitsplätze und besonders Steuern fallen weg. Huber plädiert für ein minimales Grundeinkommen, das mit der Besteuerung der Produktivität – also der «Arbeit» der Roboter und Transaktionen – finanziert wird. Der Politologe Daniel Stanislaus Martel behandelt in seinem Artikel die zukunftsrelevante Frage, wie die Schweizer Gesellschaft die AHV sichert.

Die Kulturanthropologin Yana Milev sichtet in ihrem Beitrag eine «entkoppelte Gesellschaft» in Ostdeutschland, die durch die Wiedervereinigung Deutschlands exkludiert wurde. Thomas Lustgarten von der Managementberatung «Bain & Company» skizziert eine düstere Zukunft für die Mittelschichten in westlichen Gesellschaften: In den 2020er-Jahren drohen eine massive Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, eine erodierende Mittelschicht und eine Destabilisierung der Gesellschaft. Das betreffe nicht etwa nur Geringqualifizierte, sondern auch gut ausgebildete Menschen mit mittlerem Einkommen.

Die Wohlstandsfrage darf selbstverständlich nicht nur hinsichtlich Gesellschaften in der nördlichen Hemisphäre behandelt werden, zumal wir in der Schweiz nicht auf einer Insel leben. Die Frage, ob in Subsahara-Afrika Wohlstand bzw. Mittelschichten entstehen, wird seit einiger Zeit kontrovers geführt; während die Optimisten die Entstehung neuer Mittelschichten bejubeln, reduzieren andere Afrika-Gesellschaften weiterhin als «Heart of Darkness» (Joseph Conrad). Der Entwicklungssoziologe Florian Stoll, der in Kenia forschte, leistet mit seinem Artikel einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion: Er prophezeit nicht eine bestimmte Zukunft, sondern hat in einer empirischen Studie Zu- kunftsvorstellungen von Menschen aus mittleren Einkommensgruppen in Nairobi untersucht. Dabei hat er sechs Milieus identifiziert, von denen er zwei näher betrachtet: das neo-traditionelle Milieu und die Social Climbers. Die Sozialanthropologin Delphine Magara von «foraus» – dem Schweizer Think Tank zur Aussenpolitik – behandelt die weltweite Digitalisierung und den damit verbundenen Strukturwandel: Sie stellt bezüglich Digitalisierung grosse Unterschiede zwischen hoch industrialisierten Staaten und ruralen Gegenden in Staaten mit wenig Infrastruktur fest. Exkludiert von der Digitalisierung sind vor allem die Frauen. Magara betont die Relevanz von politischen Massnahmen, welche die IT-Kompetenzen von Frauen fördern.

Wohlstand kann durchwegs als lokales und nationales Phänomen betrachtet werden, ist aber immer auch das Resultat eines internationalen Kontexts: etwa des Freihandels, den Natanael Rother von «Avenir Suisse» für einen wesentlichen Treiber zur Entstehung von Wohlstand hält: «Offenheit gegenüber neuen Ideen und gegenüber Menschen, die ihre Heimat verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen, ist unabdingbar. Gerade heute, wo sich politische Pole der Abschottung vereinen, ist diese Errungenschaft in Frage gestellt.»

Ich wünsche Ihnen eine angenehme und inspirierende Lektüre.
Francis Müller

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