DIE ZUKUNFT DES STERBENS – Editorial 2/2021

DIE ZUKUNFT DES STERBENS – Editorial 2/2021

Liebe Leserinnen und Leser,
in den letzten Jahrzehnten ist in unserer Gesellschaft das Interesse an Sterben und Tod zunehmend gewachsen, was eine Folge des medizinischen Fortschritts und soziodemografischer Entwicklungen ist. Das Bundesamt für Statistik geht in seinen «Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone 2020–2050» davon aus, dass die Zahl der Menschen in der Schweiz, die über 65 Jahre alt sind, von zurzeit 1,64 Mio. auf 2,67 Mio. im Jahr 2050 anwachsen wird. Der medizinische Fortschritt wird weiterhin dazu beitragen, dass kranke Menschen länger leben, womit Sterbephasen, in denen der Tod einer erkrankten Person für sie selbst, für ihre Angehörigen und das medizinische und pflegende Personal absehbar wird, in Zukunft noch länger dauern dürften. Der Prozess des Sterbens gewinnt daher an Relevanz, zumal mit den Babyboomern auch eine Generation sterben wird, die sehr individualisierte und liberale Wertvorstellungen hat.
Sterben ist ein biologisches Ereignis, zugleich aber auch in Kultur und Gesellschaft verwoben. Sterben passiert nicht einfach, es wird «gemacht» – in be- stimmten zeitlich-räumlichen Kontexten, in «Sterbesettings»: Sterbesettings zeichnen sich dadurch aus, dass sie gestaltet sind, wobei diese Gestaltung historisch und kulturell variiert. In Sterbesettings materialisieren sich Weltanschauungen und Werte einer Gesellschaft. Diese manifestieren sich an Orten des institutionalisierten Sterbens (Hospize oder Palliative-Care-Stationen in Spitälern). Oftmals wird auch in Altersheimen oder zuhause gestorben, womit der Wohnraum zum Sterberaum wird.
«Sterbesettings. Eine interdisziplinäre Perspektive 2020-2023» heisst das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Projekt, das von Forschenden der Berner Fachhochschule (BFH) und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) realisiert wird. Ein interdisziplinäres Team erforscht Sterbesettings aus den vier Perspektiven Sprache, Pflege, Design und Religion, wobei das Zentrum für Palliative Care des Stadtspitals Waid Zürich als Praxispartner und Ort ethnografischer Feldforschung fungiert. In diesem Magazin setzt sich das Forschungsteam spekulativ mit möglichen Zukünften von Sterbesettings und Fragen zu Sterben und Tod auseinander.
Die Sozialanthropologinnen Julia Rehsmann und Eva Soom Ammann vom Departement Gesundheit der BFH denken über die Frage nach, wie Roboter in der Palliative Care eingesetzt werden könnten – in Anbetracht von über 100’000 fehlenden Pflegefachpersonen bis 2030 ist dieses Thema von höchster Relevanz. Die Trendexpertin Bitten Stetter, die den Masterstudiengang «Trends & Identity» an der Zürcher Hochschule der Künste leitet, bemängelt in Sterbesettings eine ästhetische Trostlosigkeit: «So finden wir gleichförmig gestaltete Schnabeltassen aus unzeitgemässen Materialien und würdelose Produkte, die nicht die Sterbewelt der Kundinnen und Nutzer, sondern die Arbeitswelt der Pflegenden bei der Produktgestaltung in den Blick nehmen.» Sie fordert und gestaltet neue Produkte, die den sterbenden Menschen mehr Würde verleihen sollen. Die Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff, Vizerektorin Forschung an der Berner Fachhochschule, geht in ihrem Artikel neuen Bestattungspraktiken nach, die sich aufgrund der Säkularisierung und Individualisierung transformieren – von Friedwäldern bis zu digitalen Trauerorten.
Der Philosoph Gaudenz Metzger, der im SFN-Projekt doktoriert, setzt sich in seinem Beitrag damit auseinander, warum es in Sterbephasen zu einer Aufwertung der Natur kommt und wie institutionelle Orte damit umgehen. Die Designerin Tina Braun, die ebenfalls im Projekt doktoriert, zeigt uns, wie Stockbilder Stereo- type vom Sterben ästhetisieren – und entwickelt Ideen, wie andere Bilder unsere Vorstellung vom Sterben in Zukunft verändern könnten.
Orte des Sterbens werden in der Regel mit älteren Menschen assoziiert. Aber es gibt auch Kinder, die an unheilbaren Krankheiten leiden und an diesen sterben. Minou Afzali vom Institute of Design Research der Hochschule der Künste Bern HKB berichtet in ihrem Artikel über das erste Kinderhospiz der Schweiz, das 2022 im bernischen Riedbach eröffnen soll. In meinem eigenen Artikel wiederum be- fasse ich mich mit «Ritualdesign» und erörtere unter anderem, was Sterberituale von säkularen Events unterscheidet.
Die Künstlerin Eva Wandeler, die das Forschungsprojekt als Artist in Residence begleitet, lotet imaginierte Bildwelten des Sterbens und Entschwindens aus. Die Bilderstrecken aus den Videoperformances der fünfteiligen Werkreihe «nor here nor there» visualisieren Schattenhaftes und Transformationen. Sie deuten etwas an, was numinos und mysteriös und zugleich doch körperlich ist.
Ich wünsche Ihnen eine angenehme und inspirierende Lektüre.
Francis Müller

Bestellformular

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.