ZUKUNFT DES LERNENS – Editorial 1/2020

ZUKUNFT DES LERNENS – Editorial 1/2020

Liebe Leserinnen und Leser,
zwischen dem Zeitpunkt, als ich mit der Redaktion dieses Magazins begann, und dem gegenwärtigen, in dem Sie die gedruckte oder digitale Version lesen, hat sich Historisches ereignet. Die Coronakrise hat unsere Welt fundamental verändert. Handelt es sich bei dieser Pandemie um eine «Wild Card» oder einen «Black Swan»? Oder ist es – wie es Nassim Talib, der den «Black Swan» von Karl Poppers Falsifikationismus ableitete, vorschlägt – ein «White Swan»; ein Ereignis also, das ab und zu eintritt (einfach nur lokal) und auch Gegenstand gängiger Szenarien ist? Wir wissen zum aktuellen Zeitpunkt wenig. Wenig über das Virus und wenig darüber, welche wirtschaftlichen und sozialen Schäden die Lockdowns anrichten werden – vor allem in Schwellenländern. Wir wissen nicht, wann diese Krise definitiv vorbei sein wird und wie die Welt danach aussehen wird. Es ist durchaus möglich, dass die historische Diskontinuität gar nicht so radikal ausfallen wird, wie das in gewissen Szenarien skizziert wird. Relevant ist auch die Frage, welche blinden Flecken diese monothematische Dominanz eigentlich erzeugt.

Trotz der sich überschlagenden Ereignisse behandeln wir in diesem Magazin wie geplant die Zukunft des Lernens. Das Thema passt: Das Lernen ist während der Coronakrise zum omnipräsenten Thema und zur Herausforderung für Schulen, Universitäten, Lehrer/innen, Dozent/innen, Professor/innen und natürlich Schüler/innen und Student/innen geworden.

Ich musste meine Lehrtätigkeit an der Zürcher Hochschule der Künste und der Universität St. Gallen blitzschnell digitalisieren. Wir wurden intern geschult und mussten nun E-Learning anwenden, das vorher allenfalls eine nette Option für eine Weiterbildung darstellte. Die erlernten Technologien erweisen sich als nützlich und werden auch in der Post-Corona-Welt präsent bleiben. Sie bringen einen Gewinn: Der Unterricht muss nicht mehr mit physischer Co-Präsenz verbunden werden. Unterrichtssituationen in internationalen Kontexten sind flexibler handhabbar, was aus ökologischen und ökonomischen Gründen sinnvoll ist. Um eine Lehrveranstaltung in Hongkong oder Santiago de Chile durchzuführen, muss man nicht mehr um die halbe Welt jetten. Die schon länger existierenden Technologien sind nun im Unterricht etabliert.

Trotz dieser Errungenschaften bringen die Technologien aber auch einen Ver- lust mit sich, der sich beim ausschliesslich digitalen Lernen während der Coronakrise deutlich zeigt: Bei einer intersubjektiv geteilten Welt, die nur aus viereckigen Screens besteht, gehen informelle Zwischenräume, situative Kontingenzen und sinnliche Dimensionen verloren. Schliesslich begünstigt die Face-to-Face-Kommunikation Empathie und Rollenübernahme, zumal wir uns im Gegenüber spiegeln; das «looking-glass-self» (Charles H. Cooley) ist gerade für Lernprozesse relevant. Auch findet das Lernen nicht nur in Unterrichtsräumen statt, sondern vielmehr einem kulturellen Gewebe, zu dem auch Bibliotheken, Cafés, Bars und öffentliche Parks gehören. Das Digitale wird die herkömmlich räumlichen Unterrichtssettings in Zukunft ergänzen, aber nicht ersetzen.

Renato Soldenhoff, der an der Zürcher Hochschule der Künste das E-Learning unterrichtet, fragt in seinem Artikel, wie informelle Kontexte – etwa Kaffeepausen – im Digitalen gestaltet werden könnten. Neurowissenschaftler Pascal Kaufmann, der vom US-Magazin «Inc.» mit Elon Musk und Stephen Hawking zu den führenden Stimmen der Künstlichen Intelligenz (KI) gezählt wird, erläutert in seinem Artikel, warum die Coronakrise die KI revolutionieren könnte. Auch der Bildungssoziologe Achim Brosziewski beschäftigt sich in seinem Artikel mit der Künstlichen Intelligenz: Er fragt, inwiefern die Künstliche Intelligenz das bisherige Verständnis von Lernen herausfordert.

Die politische Philosophin Regula Stämpfli nimmt uns mit ihrem Essay ins Jahr 2175 und schaut von dort zurück: Sie fragt aus der Zukunftsperspektive, was die Menschen aus der Coronakrise gelernt haben – und wie sie «Dataismus» und die «Vermessung der Welt» überwinden und die Demokratie vitalisieren konnten.

Maryanne Wolf, Neurolinguistin und Direktorin des Zentrums für Dyslexie, Diverse Learners und Social Justice an der University of California in Los Angeles, beschäftigt sich in ihrem Artikel mit dem Digitalen: Sie vergleicht Lern- und Sozialisationsprozesse von gedruckten und digitalen Lektüren. Ihre These lautet, dass sich das menschliche Gehirn durch die Lektüre von gedruckten Texten anders entwickelt als «programmiert», was sich bei der oralen Sprache ganz anders verhält. Die Lektüre von gedruckten Texten fördert also einen speziellen Bereich im Gehirn, der wiederum Immersion, Reflexion und Empathie begünstigt. Des- halb ist es wichtig, dass Kinder das Lesen von gedruckten Texten erlernen – und zwar alle, nicht nur jene, die das Glück haben, in bildungsbürgerlichen Familien aufgewachsen zu sein.

Léo Gilliard von der «Bildungskoalition NGO» thematisiert in seinem Beitrag Bildung und Nachhaltigkeit. Der Neurobiologe Gerald Hüther erläutert, warum Bildung eine wichtige Voraussetzung für ein gelungenes Leben ist. Daniel Süss, Gregor Waller und die Fachgruppe Medienpsychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) stellen die MIKE-Studie vor, in der sie den Medienkonsum von Primarschulkindern untersuchen – und sie stellen die Frage, wie Kinder ein Gleichgewicht finden zwischen Online- und Offline-Welten. Mela Kocher und René Bauer von der Vertiefung «Game Design» der Zürcher Hoch- schule der Künste thematisieren die epistemische Qualität von Computerspielen, die gegenwärtig in unserer Gesellschaft oftmals mit allem anderen als mit Bildung in Zusammenhang gebracht werden. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, wie stark sich solche Zuschreibungen verändern können: Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in Zentraleuropa als Folge der stark präsenten Bücher «Lesesuchtsdebatten» geführt, danach ist das gedruckte Buch zum Sinnbegriff von Bildung geworden.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme und inspirierende Lektüre.
Francis Müller

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