ZUKUNFT DER ZUKUNFTSFORSCHUNG – Editorial 2+3/2020

ZUKUNFT DER ZUKUNFTSFORSCHUNG – Editorial 2+3/2020

Liebe Leserinnen und Leser,
vor einem halben Jahrhundert – im März 1970 – wurde die «Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung» (SZF) vom Ökonom Bruno Fritsch und vom Gesundheitsökonom Gerhard Kocher gegründet. Die Disziplin der Zukunftsforschung ist nach dem Zweiten Weltkrieg im amerikanischen Militär entstanden, also in einem technisch orientierten und wissenschaftlich positivistisch geprägten Umfeld. Sie basiert auf der Annahme, dass die Welt von morgen und übermorgen eine andere sein wird – und dass dieser Wandel von bestimmten Treibern oder Trends verursacht wird. Das epistemologische Problem besteht darin, dass es – ganz im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft oder Archäologie – keine Quellen und Artefakte aus der Zukunft gibt. Zugleich gibt es aber ziemlich eindeutige Zukunftstreiber: Demografische Zukünfte lassen sich aufgrund heutiger Geburtenraten extrapolieren: Es ist eine Tatsache, dass über die Hälfte der Menschen in Afrika nach dem Jahr 2000 geboren wurde, zumal das Medianalter 19,7 Jahre beträgt. Was dies allerdings genau bedeutet, kann wiederum nur mit szenarischen Annahmen skizziert werden. Es ist eine Frage der Deutung.

Die SZF – heute: swissfuture – wurde zu einem Zeitpunkt gegründet, als die Zukunftsforschung sich vom militärischen Fokus löste und zunehmend sozialökomische und ökologische Themen (etwa die Begrenztheit der Ressourcen beim «Club of Rome») behandelte. Davon zeugen unter anderem die Artikel im Sammelband «Zukunft Schweiz», der aufgrund der ersten SZF-Tagung am 26. und 27. Februar 1971 im Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon publiziert wurde: In diesem von Bruno Fritsch und vom Ingenieur Paul Dubach herausgegebenen Buch werden die Zukunft der Schweizer Industrie, der Energiewirtschaft, der Bildung, der politischen Willensbildung, der Landwirtschaft etc. behandelt. Im Juni 1972 erschien die erste Ausgabe des «SZF-Bulletin», in dem Gerhard Kocher begann, umfassend über Zukunftskongresse, Zukunftsstudien und Methoden der Zukunftsforschung zu informieren.

Ganz der These von Bruno Fritsch in «Zukunft Schweiz» folgend, ist Zukunftsforschung «nicht irgendeine Geheimwissenschaft oder moderne Wahrsagerei, sondern ein überaus praktisch bezogener Forschungs- und Denkansatz». In diesem Sinne setzen wir in diesem Magazin – einer Doppelausgabe – einen Methodenschwerpunkt: Wir fragen nach der Zukunft der Zukunftsforschung; nach ihrer Bedeutung für Wissenschaft und Gesellschaft – und ganz besonders nach ihren Methoden; einige davon sind werturteilsneutral, andere beschreiben wünschenswerte Zukünfte und sind damit normativ oder gar utopisch, weitere sind deskriptiv, andere spekulativ oder praxis- und anwendungsorientiert. Daniel Huber und Andreas M. Krafft – beides Co-Präsidenten von swissfuture – erläutern in ihrem Beitrag «Zukunftsforschung – von der Beschäftigung mit der Zukunft», was unsere Diszplin überhaupt leisten kann und auch soll.

Dass in den Artikeln die Corona-Krise, in der wir uns befinden, oftmals thematisiert wird, versteht sich von selbst. Schliesslich sind Pandemien, wie sie Zukunftsforscher und swissfuture-Ehrenmitglied Andreas M. Walker in seinem Beitrag behandelt, oftmals Gegenstand in Szenarien. Walker bringt Pandemien in Zusammenhang mit Konzepten wie «Black Swan» und «Black Elephant». Daniel Huber – Co-Präsident von swissfuture – entwickelt mit «Zukunftsdesign» am Beispiel der Corona-Krise ein Modell, wie die gegenwärtig hohe Unsicherheit überwunden werden kann. Der Wissenssoziologe Felix Keller wiederum behandelt Verschwörungstheorien, die sich nach dem Lockdown ähnlich epidemisch verbreiteten wie das Virus selbst. Verschwörungstheorien basieren ja auf einer Negation des Zufalls: In den Augen jener, die ihnen anhängen, basiert die Welt, die wir sehen, auf einer Täuschung, und dahinter wirken konspirative Kräfte, womit alles in einen höheren Zusammenhang gestellt wird – selbst wenn in Taipeh ein Sack Reis umkippt.

Die politische Philosophin Regula Stämpfli beschäftigt sich in ihrem Artikel mit der Digitalisierung, die sie weniger als eine technische Begebenheit, sondern viel- mehr als einen gesellschaftlichen Prozess versteht, der zu einer neuen Weltansicht – nämlich eine des Vermessens der Welt – führt. In diesem Zusammenhang warnt Stämpfli vor Algorithmen, die nicht neutral sind, wie sie dies suggerieren: «Algorithmen gestalten nach Programm-Vorgaben, die der mathematischen Logik entsprechend immer Mankos aufweisen, selbsterfüllende Prophezeiungen über mögliche Zukünfte: Codes, aufgrund bestimmter Erfahrungen und voller Klischees programmiert, verwandeln sich im herrschenden Zeitalter digitaler Reproduktion zu Informationen, die als Ursachen dafür dienen, dass die prognostizierten Zukünfte auch eintreten.»

Andere Artikel beschäftigen sich mit Zukunftsforschung im Kontext von betriebswirtschaftlichen und ökonomischen Fragen: Der Zukunftsmanager Pero Mićić stellt die «fünf Zukunftsbrillen und das Eltviller Modell» vor. Der Innovationscoach Martin Steinmann beleuchtet in seinem Artikel, wie die Futurologie im Kontext der Unternehmensberatung mehr Relevanz entwickeln kann.

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos unterscheidet in seinem Artikel zwischen deskriptiven und normativen Ansätzen: Nicht genaue Prognosen, sondern «denkbare und wahrscheinliche Zukünfte» sollte die Zukunftsforschung skizzieren. Mit einem solchen Ansatz entwickelt der Futurologe Karlheinz Steinmüller drei Szenarien der Zukunftsforschung: die «neobarocke», «tachygene» und die «posthumane». Innerhalb von drei gesellschaftlichen und ökonomischen Umfeldern entwickeln die Zukunftsforscher/innen genuin eigene Rollen und Selbstverständnisse. Die Innovationsexpertin Senem Wicki plädiert in ihrem Artikel für eine iterative Zukunftsforschung, die mit «Zukunftsnarrativen» operiert und auch mal provoziert – und die als partizipative Methode auch «Experten/innen des Alltags» miteinbezieht.

Zukunftsforschung lebt davon, dass sie die Kontingenz einer ungewissen Zukunft plausibilisieren und nicht zuletzt vermitteln kann. Der Politologe Daniel Stanislaus Martel beschäftigt sich in seinem Text mit Tabellen als Vermittlungsformat. Eine nichtsprachliche Form der Vermittlung behandelt die Designerin Bitten Stetter in ihrem Aufsatz: Sie untersucht am Beispiel des spekulativen Designs, wie gestaltete Dinge imaginierte Zukünfte taktil erfahrbar machen können. Auch die Trendforscherin Judith Mair untersucht einen nichtsprachlichen Bereich: Sie decodiert Oberflächen, wobei der Begriff ohne die im deutschen Sprachraum negative Konnotation zu lesen ist. Oberflächen meinen hier: Materialisierungen von Kultur, Verdinglichungen und Hypostasen. Einen ähnlichen deskriptiven Ansatz verfolgen Angel Schmocker und Francis Müller in ihrem Beitrag: Sie zeigen mit einem on- line-ethnografischen Ansatz, wie Jugendliche über Zukunftsvorstellungen während der Corona-Krise kommunizieren, die einmal resigniert und dann wieder hoffnungsvoll und kämpferisch sind.

Ganz explizit mit der Zukunftshoffnung beschäftigt sich Andreas M. Krafft, der das internationale Forschungsnetzwerks des Hoffnungsbarometers leitet. Im Geiste der positiven Psychologie geht Krafft davon aus, dass Zukunftsbilder einen Einfluss darauf haben, wie Menschen ihr Leben im Hier und Jetzt gestalten. Zukunftsbilder schweben also nicht entkoppelt im leeren Raum, sondern sie sind selffulfilling prophecies. Der Theologe und Ethiker Hans Ruh plädiert in seinem Beitrag für die Utopie, die «Türöffner sein [kann] für einen Paradigmenwechsel». Dies zeigt er am Beispiel an der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), das während der Corona-Krise und der damit drohenden Vernichtung von Existenzen erneut in die politische Diskussion geraten ist.

Schliesslich wird die Zukunftsforschung immer wieder mit Prognosen und Szenarien von einst konfrontiert. In diesem Sinne «überprüft» der Soziologe und Wirtschaftsberater Peter Bucher die vier Szenarien «Bio Control», «Balance», «Clash» und «Ego», die swissfuture im Jahr 2004 entwickelt und 2011 aktualisiert hat. Bucher vergleicht die damaligen Grundannahmen (BIP, Einwohner/innenzahl, Erwerbsquote, Altersquotient etc.) mit der gegenwärtigen Situation. Dabei geht es um Abwägungen zwischen individuellen und kollektiven Interessen, um Sicherheit und Risiko, um Konflikte zwischen Alterskohorten und um die Verteilung von Ressourcen. Bucher betont die Wichtigkeit, den Marktplatz der Ideen zu öffnen und zu demokratisieren.

Trotz aller Heterogenität der Positionen, die in diesem Magazin vertreten werden, tritt die Forderung nach mehr Partizipation und Demokratisierung auffällig oft auf: Zukunftsforschung darf – wie eigentlich jede Forschung! – nicht ausschliesslich im akademischen Elfenbeinturm stattfinden. Sie muss Brücken schlagen zwischen verschiedenen Akteuren/innen, Wissenschaften, Wirtschaft, Gesellschaft und den kontroversen Interessen und Werten, die in dieser gelebt und gefordert werden.

Was aber die Methoden angeht, ist ein Konsens ausser Sichtweite. Dies als Schwäche auszulegen, wäre zu kurz gedacht. Schliesslich verhält es sich mit der Zukunftsforschung relativ ähnlich wie mit anderen Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften, wo ein Methodendissens gewissermassen zum Grundinventar gehört (zum Beispiel zwischen theoretischen und empirischen Ansätzen, bei den empirischen wiederum zwischen quantitativen und qualitativen etc.). Es ist auch alles andere als ein Zufall, dass die SZF bereits im Jahr 1976 Mitglied der Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) wurde. Diese Anbindung be- deutet für uns, dass wir eine hermeneutische Disziplin sind, welche die Zukunft interpretativ erschliessen – und nicht kausal erklären – möchte.

Insofern hoffen wir, dass wir mit unserem Magazin zur Zukunft der Zukunftsforschung methodische und methodologische Fragen beantworten und wiederum neue aufwerfen – und über unsere Disziplin und ihre Situierung in Wissenschaft und Gesellschaft nachdenken. Das Ziel unserer Disziplin besteht ja nicht darin, finale Antworten zu finden (wie denn auch?), sondern vielmehr zu überraschenden Einsichten zu geraten, die bisherige Gewissheiten ausser Kraft setzen und so neue Denkhorizonte eröffnen.
Francis Müller

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