ZUKUNFT DER MIGRATION – Editorial 2/2017

ZUKUNFT DER MIGRATION – Editorial 2/2017

Liebe Leserinnen und Leser,
dass Menschen sich fortbewegen, ist eine anthropologische Konstante, deren Geschichte zurück führt zu den Ursprüngen der Menschheit. Menschen hatten und haben den Antrieb, sich an andere Orte zu bewegen – aufgrund ökonomischer Motive, aufgrund von kriegerischen Feldzügen, Handel, Flucht und Entdeckungsreisen. Erst im Laufe der Zeit wurden Menschen sesshaft. Erst in der Moderne entstand der Nationalstaat und damit neue – nationale – Kategorien der Grenzen und des Fremden.
Migration meint, dass Menschen sich in eine andere Welt begeben, wenn auch die Wissensbestände über jene «anderen Welten» massiv zugenommen haben: Während Entdecker wie Christoph Kolumbus in eine ungewisse Welt auf- brachen, ist die heutige weitgehend erschlossen: Zumindest territorial gibt es eigentlich kein Neuland mehr zu entdecken. Trotzdem machen wir in anderen Kulturen Differenzerfahrungen – und entwickeln folglich Kontingenzbewusstsein: Wir realisieren, dass die Welt – und wir selbst – anders sein könnte.
In diesem Magazin behandeln wir die Zukunft der Migration – und damit ein Phänomen, das in unserer modernen Welt und in der gesellschaftspolitischen Diskussion in der Schweiz eine enorme Präsenz hat. Dieses Thema ist enorm breit, weshalb wir nur singuläre Aspekte beleuchten können, die wir für unsere Gesellschaft als besonders zukunftsrelevant halten. Wie wird sich die Migration in Zukunft entwickeln? Wie wird sie unsere Gesellschaft verändern?
Die gesellschaftspolitische Diskussion zur Migration wird von zwei Themen dominiert: einerseits von Flüchtlingen und andererseits vom radikalen und politisierten Islam. Die gesellschaftspolitische Diskussion über Flüchtlinge ist vor allem durch die Medienberichterstattung bestimmt, was der Medienwissenschaftler Heinz Bonfadelli in seinem Beitrag aufzeigt. Bonfadelli plädiert darin für eine Sensibilisierung der Medien für Interkulturalität.
Im Zusammenhang mit Migration ist stets auch von Integration die Rede. Aufgrund von verweigertem Handschlag von muslimischen Schülern, Kopftüchern, Minaretten und anderen religiösen Symbolen werden Wertediskurse geführt. Die Migrationsskeptiker und Ethnopluralisten essenzialisieren Kultur und gehen davon aus, dass unterschiedliche Kulturen nicht kompatibel sind, während Migrationsbefürworter betonen, dass Gesellschaften sich schon immer geändert haben und sich weiterhin ändern werden.
Der Integrationsexperte Thomas Kessler nimmt die historische Dimension auf und zeigt, dass die Schweiz schon im früheren 20. Jahrhundert ein Einwanderungsland war. Aufgrund ihrer kulturellen Vielfalt hat die Schweiz eine hohe Integrationskompetenz und ist damit bestens für kulturelle Diversität gewappnet. Damit das in Zukunft weiterhin gut klappt, braucht es gemäss Kessler vier Säulen: eine klare Hausordnung, eine permanente Innovation, eine kohärente Sicherheitspolitik und wirksame Kooperationen.
Die tunesisch-schweizerische Romanistin Saïda Keller-Messahli vom «Forum für einen fortschrittlichen Islam» skizziert in ihrem Beitrag eine mögliche Zukunft des Islams. Sie plädiert für ein humanistisches und aufgeklärtes Islamverständnis – und für eine klare Abgrenzung gegenüber einem politisierten Islam, der letztlich nur den Rechten in die Hände spielt und so unsere Gesellschaft spaltet.
Die moderne Migration ist eine Folge und zugleich ein Treiber der Globalisierung. Der Kulturhistoriker Damian Christinger stellt in seinem Beitrag fest, dass Globalisierung vor allem in westlichen bzw. nördlichen Gesellschaften in der öffentlichen Wahrnehmung als Gefahr betrachtet wird, in südlichen hingegen als Chance. Und dies, obwohl gerade Schwellenländer den grössten Teil der Flüchtlinge aufnehmen und eine Minderheit Europa überhaupt erreicht. Wer über die Migration der Zukunft nachdenkt, sollte zumindest versuchen, die eurozentrische Brille einmal abzulegen.
Migration wird im Zuge der Universalisierung des ökonomischen Paradigmas wesentlich über die Wirtschaft diskutiert: Nützt oder schadet sie ökonomisch? Der Ökonom Thomas Straubhaar wägt diese Frage ab und er kommt zum Befund, dass die ökonomischen Makroeffekte der Migration eher bescheiden ausfallen, da sie in Relation zur Gesamtbevölkerung doch gering ist – auch wenn das anders empfunden wird. Er plädiert in seinem Beitrag für eine Aussenpolitik, die sich dafür einsetzt, dass die Lebensbedingungen von Flüchtlingen in den Herkunftsländern verbessert werden.
Wenn in der Schweiz über Migration diskutiert wird, dann geht es fast immer um Einwanderung. Dass es auch eine beträchtlich hohe Auswanderung gibt, wird in der Diskussion meist verdeckt. Der Kulturanthropologe Walter Leimgruber beschreibt in seinem Artikel neue Formen der Mobilität – eine «Lifestyle-Migration» von oftmals Hochqualiffzierten, die nicht mehr von ökonomischen Faktoren getrieben ist, sondern von individualistischen Zielen wie Selbstverwirklichung.
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre und einen schönen Sommer.
Francis Müller

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