ZUKUNFT DER BEHINDERUNG – Editorial 3/2019

ZUKUNFT DER BEHINDERUNG – Editorial 3/2019

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
als ich vor einigen Jahren in Angola über Tretminenopfer feldforschte, unterhielt ich mich mit dem angolanischen Soziologen Paulo de Carvalho, der sich seit Jahren mit Behinderung beschäftigt. Während unseres Gesprächs sagte er, dass wir zwei eigentlich auch behindert seien, denn wir tragen ja eine Brille. Wie eine Beinprothese ist auch eine Brille ein technisches Artefakt, das an den Körper angebracht wird und das ein physisches Defizit kompensiert. Damit soll nicht eine schwere Behinderung wie das Fehlen der Beine verharmlost und mit einer Brille gleichgesetzt werden. Vielmehr soll das Beispiel zeigen, dass gewisse Formen der technischen Korrektur gesellschaftlich akzeptiert sind und andere nicht. Gerade in Angola führt die sichtbare Prothese zur Diskriminierung, während die ebenfalls sichtbare Brille mit Bildung konnotiert wird.
Diese Bewertung zeigt, dass Behinderung nicht nur essentiell ein körperliches oder mentales Defizit beschreibt, sondern aktiv zugeschrieben wird: Behinderung hat eine gesellschaftliche Norm als Referenzpunkt, die definiert, was deviant (fehlendes Bein) ist und was nicht (Sehschwäche).
Es herrscht kein Konsens, was Behinderung eigentlich ist: Diejenigen, die ein essentialistisches Verständnis von Behinderung haben, gehen von universalen Vorstellungen von einem gesunden Körper und intakten Leben aus – und mitunter von der utilitaristischen Argumentation, dass Behinderung für Betroffene und deren Umfeld viel Leid bedeutet. Die anderen hingegen, die eine konstruktivistische Auffassung von Behinderung vertreten, sind der Ansicht, dass dieses intakte Leben eine normative und gesellschaftlich geprägte Vorstellung ist.

Der Soziologe Günther Cloerkes definiert Behinderung als «eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein negativer Wert zugeschrieben wird». In den Disability Studies ist von «Labeling» die Rede, wobei moralische oder medizinische Ursachen geltend gemacht werden können. Die Idee, dass eine Behinderung die Folge eines immoralischen Verhaltens und damit selbstverschuldet ist, ist unvereinbar mit einem humanistischen, modernen Menschenbild. Allerdings hat sich in Europa erst im 19. Jahrhundert im Zuge des aufkommenden Positivismus die Idee durchgesetzt, dass Behinderung medizinische und nicht moralische Ursachen hat.

Die Zukunftsdiskussion zur Behinderung wird aus nachvollziehbaren Gründen stark technologisch geführt: Die Technologie schafft neue Realitäten, die bisher allenfalls in der Welt der Mythen und Fantasien situiert waren. Sie ermöglicht nicht nur Korrekturen von körperlichen Defiziten, sondern sie steigert körperliche und mentale Fähigkeiten. Am «CYBLATHON», den die ETH 2016 zum ersten Mal durchführte und über den Anni Kern in diesem Magazin berichtet, begeben sich Menschen mit Exoskeletten und Armprothesen in sportliche Wettkämpfe – und in einigen Fällen sind sie deutlich leistungsfähiger als Spitzensportler und Spitzensportlerinnen ohne Prothesen, womit die Frage, wer behindert ist und wer nicht, ganz anders gestellt werden könnte.

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos unterhält sich mit dem Psychologen Bertolt Meyer, der übrigens selbst eine Armprothese trägt, in diesem Magazin über die Frage, was soziale Folgen dieses «Human Performance Enhancement» sein könnten. Meyer erwähnt soziale Klassifikationen wie «warm/inkompetent» und «kalt/kompetent», wobei Menschen mit Behinderung zur ersten gehören. Diese Klassifikation ändert sich, wenn Menschen mit Behinderung durch Biotechnologie neue Kompetenzen entwickeln.

Jakub Samochowiec vom Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) beleuchtet in seinem Artikel Technologien, die Menschen mit Behinderungen neue Teilhaben am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Zugleich entstehen neue Hürden, die diese Teilhabe wiederum erschweren und mitunter verunmöglichen.

Prothesen setzen Ressourcen voraus: Der Futurologe und Politologe Daniel Stanislaus Martel behandelt in seinem Beitrag die Frage, wie die für Prothesen notwendigen Ressourcen in einer zukünftigen Welt verteilt werden könnten, und er operiert hierzu mit den vier Szenarien «Planetare Plutokratie», «Vergessen im Untergang», «Globale Industrie 4.0» und «Terra Nova».

Auch Lukas Drosten beschäftigt sich mit Prothesen, allerdings im Kontext eines angewandten Projekts in Subsahara-Afrika: Drosten ist aktiv im Projekt «Circleg», einem Social Entreprise in Zürich, das in Uganda und Kenia kostengünstige Beinprothesen herstellt und das auch einen Beitrag zur Entstigmatisierung von Prothesen leisten möchte. Wie die Beiträge zeigen, sind Technologien stets mit sozialen und kulturellen Fragen verbunden. Schon die Frage, ob eine Technologie ein körperliches Defizit korrigieren soll, setzt ein bestimmtes Menschenbild und Weltdeutungsschemata voraus, die nicht einfach gegeben, sondern in historischen und sozialen Kontexten entstanden sind. Entsprechend relevant sind soziale und nicht zuletzt auch ethische Dimensionen, wenn es um Behinderung geht.

Katharina Tietze, die an der Zürcher Hochschule der Künste die Fachrichtung Trends & Identity leitet, erkennt in ihrem Artikel «‹Applaus gefällt mir gut› – Gestalterische Bildung und Menschen mit Down-Syndrom» einen Graben zwischen der UN-Konvention der Rechte für Menschen mit Behinderung und der Realität in der Schweiz: Tietze betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung, die Kultur- und Bildungsinstitutionen zur erstrebten Inklusion leisten können.

Die Soziologin Mareike Teigeler stellt in ihrem Artikel fest, dass Menschen mit Down-Syndrom sichtbarer werden, ohne aber an ihrer Sichtbarwerdung beteiligt zu sein. Sie fordert die Politik, hier neue Räume des Miteinanders zu eröffnen.

Dass die Tendenz zur Selbstoptimierung und die normativen Konzepte von «wertvollem Leben» besonders jene unter Druck setzt, die den stets höheren Anforderungen nicht genügen können, stellt der katholische Theologe Meinrad Furrer in seinem Artikel fest: «Inklusion meint also mehr als barrierefreien Zugang zu den Angeboten unserer Gesellschaft. Barrierefreiheit entsteht zuerst in unseren Grundeinstellungen. Gelungene Inklusion gibt allen das Gefühl der Zugehörigkeit in Einzigartigkeit und Vielfalt.»

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Dr. phil. Francis Müller

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