ZUKUNFT DER ALPEN – Editorial 2/2019

ZUKUNFT DER ALPEN – Editorial 2/2019

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wie sieht sie aus, die Zukunft der Alpen, die immerhin 60 % der Landesfläche der Schweiz ausmachen – jenseits von wertschöpfenden urbanen Ballungszentren? Hierzu muss man zuerst definieren, was die Alpen eigentlich sind. Und was sie sind, ist weniger in den Alpen selbst zu suchen, sondern vielmehr in den gesellschaftlichen Diskursen, die über sie geführt werden: Diese Diskurse über die Alpen haben sich – genauso wie die Vorstellungen über die Natur – gewandelt: «Seit der Römerzeit gelten sie als Symbol der feindlichen, bedrohlichen Natur, zwischen 1760–1780 wandeln sie sich zu den schrecklich-schönen Bergen, und heute gelten sie als Symbol der Freizeitgesellschaft», schreibt der Geograf und renommierte Alpenexperte Werner Bätzing in seinem Beitrag in diesem Magazin zur Zukunft der Alpen. Seine Zukunftsszenarien zeigen, dass die Alpen stets geprägt sind von der Art und Weise, wie die Gesellschaft sie definiert und verhandelt. Die gesellschaftliche Vorstellung der Natur verändert und «formt» die Natur. Freizeit- gestaltung, globale Wirtschaftskrise, Ressourcenknappheit, Energieverbrauch, Po- litik, Migration – all diese Faktoren üben einen direkten Einfluss auf die Alpen aus.

Die Zukunft der Alpen hängt also wesentlich mit politischen, sozialen und soziodemografischen Entwicklungen zusammen: Werner Bätzing skizziert in seinem Szenario «Neoliberalismus» eine Tendenz, dass Politik und Gesellschaft nicht mehr gewillt sind, staatliche Gelder den wenig rentablen Randgebieten zuzugestehen und diese schliesslich zu «alpinen Brachen» mutieren. Die Folge sind Abwanderung und Verarmung. Malina Grubhofer und Maya Mathias von der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA zeigen, wie zukunftsweisende Bürgerinitiati- ven auf diese Tendenz reagieren und wie sie ihre Gemeinden wieder attraktiver machen können.

Der Kulturwissenschaftler Boris Previšić, designierter Leiter des Instituts «Kulturen der Alpen» in Altdorf, warnt in seinem Beitrag vor den Folgen der sich anbahnenden Klimakatastrophe. Der Klimawandel macht es notwendig, über einen Strukturwandel nachzudenken – und Boris Previšić sieht im Alpenraum auch Potenzial der Veränderung; etwa als Erholungsraum für ältere Menschen aufgrund der gestiegenen Temperaturen im Flachland oder als Produktionsort neuer Ener- gien: «Angesichts dieser Herausforderungen durch den Klimawandel erfährt der Alpenraum einen massiven Umbau, der ihn vom einstigen Stiefkind, dem immer noch der Ruf vom Subventionsempfänger anhaftet, zum umschwärmten Wunderkind werden lässt.»

Barbara Keller, Kuratorin und stellvertretende Direktorin am Alpinen Museum in Bern, setzt sich in ihrem Beitrag mit der Zukunft des Wassers auseinander. Sie schildert – ausgehend von einer Ausstellung im Alpinen Museum – die zwei Szenarien «eisfreie Berge» und «Schnee-Resort» fürs Jahr 2051.

Die Umwelt- und Energieökonomin Annina Boogen setzt sich mit einer alpenspezifischen Produktionsstätte von Energien auseinander: mit Stauseen. Diese sind ein dankbares Beispiel, um einen Konflikt zwischen der Wirtschaft, Natur- und Heimatschutz zu illustrieren. Die Konfliktlinie, die sich hier öffnet, hängt auch mit Wertvorstellungen zusammen: Es geht um den Schutz einer bestimmten ästhetischen Idealvorstellung der alpinen Natur, oder von «Atmosphären», wie es Boogen bezeichnet, die wiederum sinnlich und subjektiv wahrgenommen werden.

Der Designforscher Marius Förster und der Techniksoziologe Peter Tränkle gehen davon aus, dass gerade die Alpen zeigen, dass die Dichotomie Kultur und Natur keine Gültigkeit mehr hat, denn die Gletscherschmelze ist eine direkte Folge von menschlichem Handeln.

Mit ihrem Projekt «3000 Peaks» lancieren sie eine spekulative Diskussion zur Zukunft der Alpen, die sie als Laborraum verstehen. Der Künstler Johannes M. Hedinger zeigt in seinem Artikel, dass die Alpen nicht nur Thema in künstlerischen Praktiken sind, sondern dass sie selbst zum Ort dieser Praktiken werden – zum Beispiel in Form von Ausstellungen wie «Art Safiental», von der Sommerakademie «Alps Art Academy» und dem «Institute for Land and Environmental Art», allesamt im Safiental im Kanton Graubünden.

swissfuture wünscht Ihnen eine inspirierende Lektüre und einen schönen Sommer.
Francis Müller

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