TOD – Editorial 1/2018

TOD – Editorial 1/2018

Liebe Leserinnen und Leser,
wenn es so etwas gibt wie die genuin ungewisse Zukunft, dann ist dies – der Tod. Wir erfahren den Tod unserer Mitmenschen. Wir sind in der Religion, Literatur, Kunst, Unterhaltungskultur mit dem Tod konfrontiert, wo er übrigens sehr präsent ist – entgegen der oftmals verbreiteten These, dass unsere Gesellschaft den Tod verdränge (die Frage lautet eher, wie die Gesellschaft den Tod thematisiert). Den eigenen Tod erfahren wir naturgemäss nur einmal – und ex-post können wir nicht darüber berichten (eine Ausnahme sind Nahtoderfahrungen, aber die Soziologen Hans-Georg Soeffner und Hubert Knoblauch haben einst in einer Studie gezeigt, dass gerade diese nicht frei von kultureller Prägung sind). Menschen wissen aber, dass sie irgendwann sterben – und sie haben kulturelle und symbolische Bedeutungsgewebe geschaffen, die dieses existenzielle Problem gewissermassen handhabbar machen. So sind Todes- und Jenseitsvorstellungen entstanden.

Todes- und Jenseitsvorstellungen funktionieren wie die phänomenologischen Appräsentationen: Wir appräsentieren bzw. mitvergegenwärtigen aufgrund bestimmter Symbole, Zeichen und Narrative postmortale Wirklichkeiten. Der «Día de los Muertos», der in Mexiko jeweils am 2. November zelebriert wird, ist ein bemerkenswertes Beispiel hierfür: Er ist ein Ritual, bei dem eine transzendente Wirklichkeit mit bestimmten symbolischen Ressourcen in die immanente Welt transferiert wird. Es handelt sich bei dieser Überlagerung von Wirklichkeiten um einen Prozess, den der Soziologe Niklas Luhmann als «Immanetisierung von Transzendenz» bezeichnete. Das klingt relativ abstrakt, ist aber relevant, wenn es darum geht, über den Tod nachzudenken: Die postmortale Welt ist nicht ontologisch irgendwo vorhanden, sondern sie wird imaginativ und symbolisch im Diesseits erzeugt. Und wenn die Gesellschaft sich ändert, dann ändern sich auch Jenseitsvorstellungen. Hier möchten wir mit unserem Magazin anknüpfen: Wie sehen zukünftige Symbole, Zeichen und Narrative aus, mit denen wir Todesvorstellungen konstruieren werden? Hierzu müssen gesellschaftliche Entwicklungen und Trends reflektiert werden: Rückblickend auf die letzten Dekaden stellen wir zumindest im zentraleuropäischen Raum eine Tendenz der Säkularisierung fest: Die institutionalisierte Religion verliert an Bedeutung, womit die Kirche ihr Verwaltungsmonopol über den Tod einbüsst. Mit der Säkularisierung und der Deinstiutionalisierung der Religion werden Jenseitsvorstellungen individualisiert.

Die Designerin Bitten Stetter bezieht sich in ihrem Artikel auf diese individualisierten Jenseitsvorstellungen und ortet zugleich ein Defizit hinsichtlich der prämortalen Phase – jenes Zeitraums, der die Spanne von der Diagnostizierung einer unheilbaren Krankheit bis hin zum Tod eines Menschen meint. Die Orte, an denen die betroffenen Menschen diese letzte Zeit verbringen, sind geprägt von einem «Design der Trostlosigkeit» und einer «ästhetischen Askese», die dem Wunsch nach Spiritualität der Betroffenen in dieser «Übergangsphase» nicht gerecht werden dürfte. Das sieht in der postmortalen Phase nämlich ganz anders aus, wo eine grosse Vielfalt an Urnen und an höchst individualisierten Bestattungsformen bereitstehen. Die Annahme von Stetter lautet, dass Konsumkultur eigentlich für bestimmte Themen sensibilisiert und diese aufwertet: Konsumangebote auch in Bezug auf prämortale Orte zu schaffen, würde dazu führen, diese Lebensphase aufzuwerten – sie also nicht einem spirituellen Vakuum zu überlassen, das sich im funktionalen Leerraum materialisiert.

Die Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff, die sich schon in mehreren Büchern mit dem Tod beschäftigte, behandelt in ihrem Beitrag den Alterssuizid. Caduff geht davon aus, dass dieses Thema aufgrund der demografischen Entwicklung zukunftsrelevant ist, stellt aber fest, dass im gesellschaftlichen Diskurs eine Leerstelle vorhanden ist: Im Zentrum dieser Diskussionen stehen «starke individuelle Autonomiebegehren», was oftmals in eine binäre Debatte über Pro und Kontra bezüglich aktiver Sterbehilfe mündet. Caduff plädiert in ihrem Artikel für «einen gesellschaftlichen und familiären Diskurs- und Resonanzraum, in dem (Alters-)Sterbe-Gedanken in allen möglichen Färbungen versprachlicht und zur Debatte gebracht werden können, ohne dass dabei gleich Suizidalität assoziiert wird».

Die Historikerin Anna-Brigitte Schlittler behandelt in ihrem Beitrag die vestimentäre Kultur. Sie beleuchtet die historische Einführung von Schwarz als Trauerfarbe – und das Verschwinden desselben in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Mit dem Verschwinden der alten Symbole entstehen zugleich neue, die oftmals historische Bezüge haben. Denn Symbole fallen nicht vom Himmel und kommen nicht aus dem Nichts; sie brauchen kulturelle Referenzpunkte und Verankerungen.

Der Betriebsökonom Martin Steinmann nimmt in seinem Beitrag die aus dem Transhumanismus resultierende Utopie auf, dass der Mensch bald 150 Jahre alt werden könne und der Tod in fernerer Zukunft irgendwann überwunden sein sollte. Steinmann fragt, ob die Menschen dies überhaupt möchten – und er beantwortet die Frage dezidiert mit einem Nein.

Der Thanatosoziologe Matthias Meitzler behandelt in seinem Artikel den Heimtiertod. Dieser Position liegt die Beobachtung zugrunde, dass Mensch und Heimtier in modernen Gesellschaften eine emotionale Beziehung haben, wobei der Mensch vom Tod des Heimtiers schwer getroffen werden kann. Auf Tierfriedhöfen, so lautet die These von Meitzler, wird dieser gesellschaftliche und zukunftsrelevante Trend materialisiert. Meitzler untersucht diese Friedhöfe hinsichtlich der Symbolik und der Inhalte, die Auskunft geben über sich wandelnde Mensch-Tier-Beziehungen.

Der Frage, was eigentlich mit unseren digitalen Daten nach dem Tod passiert, geht der Doktorand Carl Öhman vom Oxford Internet Institut nach. Denn wir hinterlassen Profile in sozialen Netzwerken, E-Mail-Adressen, Skype-Namen, WhatsApp- und Instagram-Zugänge – und viele persönliche und durchaus sensible Daten. Öhman beobachtet die Entstehung einer «digitalen postmortalen Industrie»; etwa in Dienstleistungen, bei denen ein Bot nach dem Tod eines Menschen weiterkommuniziert. Das Thema ist höchst zukunftsrelevant.

Wir behandeln im Magazin also zukünftig mögliche prämortale Lebensphasen, digitalen Welten und neue Diskurse über das Sterben. Mithin die diesseitige Seite des zukünftigen Todes – und nicht den Tod selbst, der zwar gewiss eintritt, aber letztlich eine Blackbox bleibt.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.
Francis Müller

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