POP 2050 – Editorial 4/2019

POP 2050 – Editorial 4/2019

Über Pop-Musik (mit Bindestrich), so Diedrich Diederichsen in seinem 2014 erschienenen Buch gleichen Namens, lässt sich nicht in Form eines Genres oder einer musikalischen Gattung nachdenken. Pop-Musik ist vielmehr eine kulturelle Praxis, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken ist und die seither in globalem Massstab das Aufwachsen der jüngeren Generationen geprägt hat. Der Akzent liegt dabei auf dem Wort Praxis. Pop-Musik ist nicht nur Konsum, passives Reinziehen von medialen Produkten – wie es eine besorgte ältere Generation oft und gerne vermutet. Pop-Musik kommt erst dann zu sich selbst, wenn eine Gruppe von jungen Menschen sich Dinge der Konsum- und Kulturwelt aneignet und anverwandelt: Popmusik (ohne Bindestrich, als Produkt), Mode, Lifestyle, Essen, neue Technologien etc. etc. Erst im Akt des In-Besitz-Nehmens und des konstruktiven Umdeutens entsteht dann Pop-Musik.

Und gleichzeitig findet so ein Subjetivierungs- und Identitätsfindungsprozess statt, der mittlerweile mehreren Generationen von Nachwachsenden geholfen hat, in unserer überreizten, überfüllten, über-beschleunigten, über-mediatisierten Welt einen Anker zu finden, einen eigenen Standpunkt, ein Referenzsystem, auf das man sich gemeinsam mit Gleichaltrigen beziehen kann, und das gleichzeitig hilft, sich von anderen kulturellen Praxen abzugrenzen.
War das Sich-Finden für ältere Generationen oft noch ein Bekenntnis zu einem Lifestyle oder einer Community, zu der sie sich zugehörig fühlten, so ist dies schon länger nicht mehr exklusiv, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist zum Normalfall geworden, nicht nur, aber auch für junge Menschen. Wenn sich unter diesen Voraussetzungen eine Gruppe vom Design-Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste aufmacht, um über die Zukunft von Pop nachzudenken, dann ist evident, dass dies zu einer eigen- und widerständigen schreibenden, bildnerischen und gestaltenden Praxis führen muss. Die Studierenden haben sich dazu entschieden, die von ihnen identifizierten Trends und Entwicklungsrichtungen in Form eines scheinbar ungeordneten, wilden Magazins zu präsentieren, dessen Struktur und Aufbau sich zwar erschliessen lassen, aber nicht auf den ersten Blick. Sie als Leser*innen können sich also in diesen Malstrom hineinsaugen und durchwirbeln lassen, fast so, wie man sich in einer unbekannten Stadt flanierend treiben lässt. Oder Sie können versuchen, die Struktur zu entschlüsseln. Oder Sie können die der Struktur zugrunde liegende Matrix auf S. 34/35 konsultieren, um zu sehen, welches die fünf Dimensionen sind, welche die Studierenden für die Zukunft von Pop relevant halten und welche drei Grundströmungen sie in ihrer Recherche ausgemacht haben.Dabei handelt es sich nicht um ausgearbeitete Szenarien, sondern eben eher um Strömungen oder Richtungen, zu denen hin sich Pop entwickeln könnte. Sie schliessen sich nicht aus, sie existieren gleichzeitig und vielleicht sogar in einer Person, aber sie sind da und lassen sich unterscheiden. Und sie zeigen, worüber sich die Studierenden Gedanken machen, wenn sie sich mit der Zukunft von Pop auseinandersetzen: mit den Verhältnissen von Körper und Maschine, von Nachhaltigkeit und Technologie und von sozialen Virtualitäten und Realitäten. Und über all dem steht die Frage nach der eigenen Rolle und Identität in einer kulturellen, sozialen, technologischen, ökologischen und ökonomischen Alltagspraxis, die sich rasend schnell verwandelt – Pop-Kultur eben, mit Bindestrich.
Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.
Francis Müller und Basil Rogger, Vorstand swissfuture und Dozierende an der ZHdK

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