PANDEMIC FUTURES – Editorial 4/2020

PANDEMIC FUTURES – Editorial 4/2020

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Obwohl in der Zukunftsforschung längst ein breit diskutiertes Thema, hat die aktuelle Pandemie uns alle überrascht und unsere Welt fundamental verändert. Noch ist es offen, wie sie danach aussehen wird. Besonders verstörend ist die gegenwärtige und zukünftige Situation für jüngere und jüngste Menschen. Die Zukunft wirkt ungewisser denn je. Es war deshalb nicht mehr als konsequent, dass die Studierenden des Bachelor-Studiengangs Trends & Identity der Zürcher Kunsthochschule (ZHdK), mit denen wir wie jedes Jahr die «Weihnachtsnummer» des swissfuture-Magazins realisieren, sich dazu entschieden, das Thema «Pandemic Futures» zu bearbeiten. Diese Setzung basiert auf der Annahme, dass wir nach der Bewältigung der aktuellen Pandemie nicht in einer postpandemischen Welt leben werden, sondern, dass weitere Pandemien folgen werden. Die Studierenden haben hierzu ambivalente Spannungsfelder untersucht wie «SOCIALISOLATION», «GLOCAL» und «POSTAFFECTED».
Die Studierenden begnügten sich allerdings nicht damit, das Thema selbst zu bearbeiten, sondern sie wollten – im Sinne eines partizipativen Ansatzes – die nochmals jüngere Generation der Schulkinder einbeziehen. Kinder werden in eine Welt hineinsozialisiert, die schon vor ihnen da war und die
sie nicht gemacht haben. Diese Welt ist nun – wie eingangs erwähnt – von einer schweren Krise getroffen. Dies hat einen Einfluss darauf, wie die Kinder Zukunft denken und imaginieren. Unsere Studierenden haben Workshops veranstaltet, in denen sie die Kinder basteln und zeichnen liessen – und zwar entlang eines Katalogs von Fragen mit Zukunfts- und Pandemiebezug. Entstanden sind Artefakte und Zeichnungen, die mögliche Zukünfte materialisieren und in eine gestalterische Form bringen. Das ist ein spielerischer und explorativer Ansatz, um mögliche Zukünfte zu skizzieren, der sich von systematischen Ansätzen wie der Szenario-Technik unterscheidet.
Mit der vorliegenden Nummer 4/2020 kommt die Kooperation von swissfuture mit Studierenden der ZHdK zu einem Ende. In den vergangenen 15 Jahren wurden die folgenden Themen behandelt: Patchwork (2005), The Future of Food (2006), Science Fiction (2007), Körperwandel (2008), Dorf (2009), Mode (2010), Alt-Tag (2011), Lebensstile (2012), Eventkultur (2013), Zukunft der Gastronomie (2014), Handyfilme (2015), Beziehungsformen (2016), Aktivismus (2017), Mensch-Tier (2018), Pop 2050 (2019) und nun – schlussendlich – die Pandemic Futures. In diesen Magazinen haben die Studierenden über Prothesen und Enhancement nachgedacht. Sie haben sich mit dem «Age Explorer» experimentiert; einem Anzug, der Alter und Gebrechen erfahrbar macht. Sie haben Szenarien zu neuen Beziehungsformen erstellt.
Sie haben die italienische Soziologin Elena Esposito, den Stilexperten Jeroen van Rooijen und den Regisseur Wim Wenders interviewt – und natürlich auch fiktive Personen aus einer fernen Zukunft. Sie haben teils Fragen beantwortet, sie teils nur gestellt, sie haben Szenarien konstruiert und imaginative Zukunftswelten entwickelt. Die Magazine waren teils text- und dann wieder bildlastig. Die Inhalte wurden von den Studierenden entwickelt. Insofern zeigen die Themen dieser jeweils vierten Nummer im Jahr auch so etwas wie das sich wandelnde Themenspektrum, das junge Erwachsene in unserer Gesellschaft beschäftigt.
Gewandelt haben sich aber nicht nur die Themen, sondern auch die Art und Weise, wie diese bearbeitet werden: In den früheren Ausgaben bildeten die Studierenden eher klassische Redaktionsteams und publizierten eigene Artikel. Im Laufe der Jahre entwickelte sich dies zu zunehmend kollaborativen Ansätzen, bei denen weniger der einzelne Artikel, sondern vielmehr ein überzeugendes Gesamtkonzept angepeilt wurde. Hier zeichnet sich ein neues Verständnis von Autorschaft ab: was zählt sind die Prozesse, die Resultate der gemeinsamen Arbeit, das Gesamtbild – individuelle Autorschaft rückt in den Hintergrund.
Zurück zu dieser Nummer – der letzten, die mit der ZHdK gemacht wird: Im Sinne dieser Tendenz zum kollaborativen Arbeiten ist es nur folgerichtig, dass die Studierenden in dieser letzten Nummer nicht nur selbst «sprechen», sondern eine nächste Generation zu Wort kommen lassen und damit den Stab wortwörtlich weitergeben.
Zürich, im Oktober 2020

Francis Müller und Basil Rogger

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