KÜNSTLICHE INTELLIGENZ – Editorial 2/2018

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ – Editorial 2/2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
kaum ein Zukunftsthema wird zurzeit polarisierender diskutiert als «Künstliche Intelligenz» (KI). Zukunftsoptimisten und Technologie-Jünger im Silicon Valley mystifizieren die KI oftmals zu einer Erlösungsutopie und gehen davon aus, dass sie auch quasi-religiöse Verheissungen – etwa Unsterblichkeit – zur Realität machen wird. Pessimisten wiederum malen eine düstere Zukunft, in der die Technologie für kriegerische Zwecke – zum Beispiel als killender Terminator – eingesetzt wird oder in der sie sich gar verselbstständigt und sich gegen ihre Schöpfer wendet. Dies verweist auf eine philosophisch relevante Frage: nämlich ob die Technologie ein gefügiges Werkzeug eines möglicherweise moralisch integren oder eines amoralischen Menschen ist. Oder ob sie sich verselbstständigt, was im Grunde genommen voraussetzen würde, dass sie ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Wird die Technologie irgendwann zu einem eigenen Wesen, das reflektiert, das Möglichkeitsräume abwägen, eigene Entscheidungen fällen und gar fühlen kann? Es wäre vermessen, diese Frage nun zu beantworten, vielmehr soll sie in diesem Zusammenhang lediglich illustrieren, was für menschheitshistorische und philosophisch-anthropologische Dimensionen am Beispiel der Technologie diskutiert werden. Dies nicht ohne Grund: Der vor etwas über einem Jahr verstorbene amerikanische Soziologe Peter L. Berger hat darauf hingewiesen, dass die Technologie der zentrale Treiber von (irreversiblen) Modernisierungsprozessen ist.

Wir haben in diesem Magazin verschiedene Beiträge zur KI gebündelt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Phänomen beschäftigen – und die dabei auch einmal unkonventionelle Blickpunkte jenseits der polarisierenden Diskussion einnehmen. Kevin Kohler, der für den «UBS Y Think Tank» arbeitet, geht der eigentlich phänomenologischen Frage nach, warum unsere Vorstellung von KI so stark durch Roboter geprägt ist – und wie KI tatsächlich anders erscheinen könnte. Der Computerexperte Siim Karus und der Geisteswissenschaftler Remo Reginold verweisen in ihrem gemeinsamen Beitrag auf die Vielzahl von Facetten der KI und damit auf blinde Flecken in der Diskussion. Der Politologe und Zukunftsforscher Daniel Stanislaus Martel beleuchtet in seinem Artikel mögliche Implikationen der KI auf Finanzmärkte und illustriert dies an vier Zukunftsszenarien. Der IT-Experte Roland Ringgenberg geht auf die Frage ein, was die Folge wäre, wenn Blockchain-Technologien und KI miteinander verbunden würden. Jean-Marc Rickli, Leiter des Bereichs «Global Risk and Resilience» am Geneva Centre for Security Policy (GCSP), verweist in seinem Beitrag auf das exponentielle Wachstum von KI, auf da- mit verbundene Risiken und auf neue Formen internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit, mit der diese gebannt werden dürften.

Die Polit-Philosophin Regula Stämpfli – Vorstandsmitglied von swissfuture – und der Kameramann Michael Gebendorfer unterscheiden in ihrem gemeinsamen Ar- tikel eine schwache und eine starke KI: Die schwache kann menschähnliches Den- ken simulieren, die starke kann menschähnlich denken. Stämpfli und Gebendorfer gehen einmal von der hypothetischen Setzung aus, dass eine starke KI sich durchsetzt – und sie fragen, welche Folgen dies für die politischen Rahmenbedingungen bzw. für die Demokratie hat. Der Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller, Mitgründer und Wissenschaftlicher Direktor der «Z_punkt GmbH The Foresight Company», versucht in seinem Beitrag, die polarisierende Diskussion etwas zu versachlichen, indem er auf die Grenzen von KI verweist.

Ebenfalls haben wir in dieser Ausgabe ein Interview mit Dr. Andreas M. Walker publiziert, der nach fast zehn Jahren im Präsidium zurücktritt. Walker war sehr engagiert und hat sehr viel für swissfuture getan. Zu seinen grössten Erfolgen gehört zweifellos das Hoffnungsbarometer, mit dem er einen Schwerpunkt gegenüber dem besonders im deutschen Sprachraum oftmals pessimistischen Zukunftsdiskurs zu setzen verstand. Das ist ihm gemeinsam mit Dr. Andreas M. Krafft gelungen: 2018 sind zwei wissenschaftliche Bücher von Krafft und Walker zum Thema erschienen, und das Hoffnungsbarometer wird in zahlreichen Ländern – darunter in Deutschland, Frankreich, Polen, Tschechien, Israel, Südafrika, Indien – durchgeführt.

Zugleich ist der Vorstand von swissfuture erweitert worden. Neu dabei sind: die bereits erwähnte Polit-Philosophin Dr. Regula Stämpfli, Senem Wicki (Zukunftsforscherin und Innovationsexpertin bei Kühne Wicki, Zürich), Dr. Christof Abegg (EBP Schweiz AG) und Peter Bucher (Beauftragter für Wirtschaftsfragen der Stadt Lu- zern). Wir werden die vier neuen Vorstandsmitglieder in den Ausgaben ab 2019 zu ihren Zukunftsvorstellungen, methodischen Positionen, inhaltlichen Themenschwerpunkten und persönlichen Haltungen interviewen. In der nächsten Ausgabe (03/18) werden wir das Projekt «Zukunft Netzwerk Schweiz» vorstellen, in dem die schweizerischen Akteure der Zukunftsforschung und Ersteller von Zukunftsstudien transparent gemacht werden. Im Magazin werden einzelne dieser Studien kurz vorgestellt.
Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre.

Francis Müller

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