INDIEN – Editorial 1/2021

INDIEN – Editorial 1/2021

Liebe Leserinnen und Leser,
wie kann man über die Zukunft einer territorialen Einheit namens Indien nachdenken, deren Geschichte und Kultur derart komplex ist, dass schon eine Beschreibung der Gegenwart scheitern würde? Indien ist ein Land der Widersprüche: Die Gesellschaft ist stratifiziert in ein Kastensystem, das offiziell seit 1949 nicht mehr existiert, denn Indien ist eine Demokratie. Zugleich wird das Kastensystem nach wie vor reproduziert, womit soziale Ungleichheit kulturell institutionalisiert wird. Die Gesellschaft ist ethnisch, religiös und kulturell höchst divers, was dazu führt, dass in Metropolen wie New Delhi oder Mumbai Paralleluniversen von unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen existieren: örtlich nah, kulturell und mental hingegen weit voneinander entfernt. Die Frage, ob der Hinduismus überhaupt eine Religion ist, ist religionssoziologisch nicht eindeutig beantwortet. Anzufügen ist, dass der Präsident Narendra Modi und seine Bharatiya Janata Party (BJP) eine hindunationalistische Identität heraufbeschwören, die es so eigentlich nicht gibt und die zur Exklusion von Minderheiten führt – insbesondere von Menschen, die dem Islam angehören.
Auch sozialökonomisch ist Indien ein Land der Widersprüche. Einerseits prosperiert Indien: Nach Dekaden des Protektionismus und bitterer Armut ab Mitte des 20. Jahrhundert wuchs das Bruttoinlandprodukt Indiens ab der Jahrtausendwende bis zu sieben Prozent pro Jahr. Im Zuge dieser Entwicklung haben sich die Mittelklassen innerhalb von knapp zehn Jahren auf 600 Mio. Menschen verdoppelt. Als Folge dieser Entwicklung befinden sich in indischen Städten Slums oftmals in Nähe von Wolkenkratzern. Bangalore gilt als Indiens Silicon Valley, Mumbai ist eine Finanzmetropole. Allerdings bleibt trotz der Prosperität die sozialökonomische Disparität hoch. Der sehr harte Lockdown im Frühling 2020 verschärfte diesen Gräben und führte Mio. Menschen in bittere Armut.
Indien ist nach China das bevölkerungsreichste Land der Welt: Aktuell leben dort knapp 1,4 Milliarden Menschen. 2050 sollen es gemäss UNO-Szenarien 1,6 Milliarden sein, 2100 dann wiederum «nur» noch 1,45 Milliarden. Wohin entwickelt sich Indien? Wir haben ausgezeichnete Autoren und Autorinnen gewinnen können, die in ihren Artikeln mögliche Zukünfte Indiens skizzieren. Der Umweltwissenschaftler Saahil Waslekar thematisiert in seinem Beitrag die drohende Wasserknappheit in Indien – und er erläutert Strategien, wie dieses Problem bis 2050 gelöst werden kann. Sheela Suryanarayanan, die das Centre for Women’s Studies an der Universität Hyderabad leitet, beschäftigt sich mit den negativen sozialen Folgen der kommerziellen Leihmutterschaft, die zwar vor zwei Jahren verboten wurde, die aber als «altruistische» Leihmutterschaft weiterhin existiert. Sebastien Hug, Aparna Kumaraswamy und Archit Kansal von swissnex in Bangalore berichten über die Technologie «Aadhaar», mit der über 1,2 Milliarden Menschen in Indien erfasst worden sind, was mitunter zu einem gesellschaftlichen Misstrauen gegen staatliche Institutionen führt. Anu Ramdas beschäftigt sich in ihrem Artikel mit den Dalit, also der unberührbaren Kaste – und mit der Frage, warum diese in sich heterogene Gruppe vom Westen als homogen wahrgenommen wird. Sie kritisiert den westlichen Blick als eurozentrisch und unterstellt ihm, eigene Kategorien auf Indien zu projizieren.
Der Künstler Raphael Perret, der längere Zeit in Indien verbracht hat, berichtet über eine partizipative Kunst, der er das Potenzial zuschreibt, eine zukünftige Gesellschaft zu gestalten. Avinash K Singh und Sarah Ahamed von der India
Future Society beschäftigen sich mit dem Einfluss der Naturwissenschaften und der Technologie auf die Alterung der multiethnischen Gesellschaft in Indien. Der Politologe und Zukunftsforscher Daniel Stanislaus Martel setzt sich in seinem Ar- tikel «Indiens Griff nach den Sternen?» mit den Hintergründen und Motiven der Raumfahrt-Ambitionen Indiens auseinander. Remo Reginold, Politologe und Co-Direktor des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA), behandelt die Feindschaft zwischen Indien und China, die die Geopolitik im 21. Jahrhundert noch substanziell umgestalten werden.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.
Francis Müller

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