GELD – Editorial 02/13 Magazin für Zukunftsmonitoring

Geld_kleinLiebe Leserinnen und Leser,

Geld ist für uns alle etwas völlig «normales»; wir gehen im Alltag mit grosser Selbstverständlichkeit damit um. Aus einer anthropologischen Sichtweise ist dies allerdings gar nicht so selbstverständlich. Schliesslich handelt es sich bei Geld einfach um Papier oder um virtuelle Zahlen – längst entkoppelt von Gold und Realwirtschaften. Dass das moderne Geld sich durchgesetzt hat, ist eine Folge seines universalistischen Potenzials. «Indem das Geld überhaupt keine Beziehung zu irgend einem einzelnen Zwecke hat, gewinnt es eine solche zu der Gesamtheit der Zwecke », schrieb der Soziologe Georg Simmel. Ähnlich Karl Marx: «Sein eigener Gebrauchswert ist realisiert in der unendlichen Reihe der Gebrauchswerte, die sein Äquivalent bilden.»

Geld hat die moderne Welt fundamental verändert – etwa indem Ökonomien monetarisiert wurden. Niklas Luhmann führt die Auflösung der mittelalterlichen Stratifikation gar aufs Geld zurück: «Die Neuerung liegt nicht in der zunehmenden Geldabhängigkeit des Adels, sondern in der Adelsunabhängigkeit des Geldes.» Sprich: Geld funktioniert nach dem binären Code zahlen/nicht zahlen. Religiöse, ethnische oder nationale Zugehörigkeiten werden so irrelevant.

Geld wird die Welt weiter verändern. Dies ist für uns – gerade in einer Wirtschaftskrise, in der das Vertrauen ins Geld signifikant abnimmt –, ein Grund, uns mit seiner Zukunft auseinanderzusetzen. Dass dem Geld selbst ein Bezug zur Zukunft inhärent ist, darauf macht die Soziologin Elena Esposito in ihrem Beitrag aufmerksam: Wir können heute Geld haben – und morgen entscheiden, wofür wir es ausgeben. Geld dient «der Handhabung der Ungewissheit der Zukunft». Den klassischen ökonomischen Theorien, die von einer Bedürfnisbefriedigung durch das Geld ausgehen, erwidert Esposito, dass viele Bedürfnisse überhaupt erst durch die Ökonomie – und nicht zuletzt durch Geld – erzeugt werden.

Entgegen den verbreiteten Thesen einer zunehmenden Virtualisierung des Geldes vertritt Michael Lee, Gründer der «World Future Society’s Southern African Chapter and the Institute of Futurology», in seinem Artikel die These, dass Bargeld auch in der Zukunft ein wichtiges Zahlungsmittel sein wird. Bargeld ist das öffentliche Gesicht des Geldes, sein Umgang mit ihm stellt eine menschliche Erfahrung dar, die digitales Geld nicht leisten kann.

Es freut uns sehr, wieder einmal einen Artikel von Zukunftsforscher Karl-Heinz Steinmüller von «Z_punkt GmbH The Foresight Company» in Berlin im Bulletin zu haben. Steinmüller vertritt darin die These, dass in Krisenzeiten oftmals Innovationen entstehen: Im Falle des Geldes etwa regionale Parallelwährungen, Online-Währungen wie Bitcoin oder die biometrische Identifikation, welche die Kreditkarte obsolet machen dürfte. Gerhard Buurman vom «Swiss Design Institute for Finance and Banking» beobachtet die Emergenz neuer alternativer Ökonomien. Im Interview erläutert er, dass gegenwärtig mit neuen ökonomischen Verhältnissen experimentiert werde, was er als «Spiel» – also eine vom Erwerbszweck getrennte Sphäre – definiert. Design, so Buurman, habe die Aufgabe, die Spielregeln dieser neuen Verhältnisse zu verstehen und zu gestalten – und nicht nur, Oberflächen schöner zu machen.

Die Wirtschaftssoziologen Hanno Pahl und Bastian Gottmann setzen in ihrem Beitrag einen finanztheoretischen Schwerpunkt. Ihre These lautet, dass die moderne Geldwirtschaft mit ihrem zweistufigen Bankensystem stets auf einem verschachtelten Prinzip der Schuld basiert: Die Zentralbanken geben den Geschäftsbanken Kredite, die ihrerseits wiederum Kredite weitergeben, die den geliehenen Betrag jedoch signifikant übersteigen. So gerät Giralgeld, das nur ein Anspruch auf Geld ist, in die Wirtschaft und fungiert dort als «echtes» Geld. Diese Kulturtechnik ist höchst riskant, was sich in Wirtschaftskrisen offenbart.

Darauf, dass das moderne Geldsystem aus der Dynamik der Kriegsfinanzierung entstanden ist, weist Autor Georg Zoche hin: Jede Partei steht unter dem Druck, mehr Geld in den Krieg zu finanzieren als der Gegner. Zoche verweist auf Keynes, der eine global harmonisierte Geldordnung entwarf, in der Schulden nur innerhalb von Gleichgewichtsgrenzen möglich gewesen wären und welche die Kriegsfinanzierungen deutlich erschwert hätte.

Der amerikanische Moralphilosoph Michael Sandel verweist in seinem Artikel auf die ethischen Grenzen der Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche – anhand von Beispielen wie dem Kauf von Freundschaften, Nieren oder Sex. Sandel warnt davor, marktfremde Normen – etwa Bürgertugenden – zu ökonomisieren, weil diese so verdrängt werden, was auch ökonomisch teuer werden kann.

Schliessen wir dieses Editorial mit einem Gedanken von Gerhard Buurman: Ob wir alle unsere Lebensbereiche ökonomisieren, ist nicht determiniert. Wir können das tun, wenn wir es möchten. Aber wir können auch über Alternativen achdenken. Ich hoffe, dass Sie die Lektüre dieses Bulletins zum Nachdenken über Alternativen anregt und wünsche Ihnen einen schönen Sommer.

Francis Müller

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