DIE ZUKUNFT DES KONSUMS – Editorial 3+4/2021

DIE ZUKUNFT DES KONSUMS – Editorial 3+4/2021

Liebe Leserinnen und Leser,
seit der Entstehung des modernen Konsums, die der Historiker Frank Trentmann in der italienischen Renaissance, in der Ming-Kultur in China und in Grossbritannien und den Niederlanden ab dem 17. Jahrhundert ansiedelt, wird dieser durch- aus kontrovers diskutiert: Er wird – je nach ideologischer Sichtweise – glorifiziert oder auch dämonisiert. Mal wird ihm das Potenzial zugeschrieben, Gesellschaften zu demokratisieren, dann wieder gilt er als Ausdruck und Verstärker von sozialer Ungleichheit. Er emanzipiere Individuen von traditionellen Ketten und lasse sie sich selbst verwirklichen, sagen die einen. Die anderen, dass er passive Opfer zu mehr Konsum verführe, als eigentlich notwendig wäre. Die Konsumkritik ist gewissermassen der Komplize des Konsums, der bei jeder neuen Konsumform dieselbe drohende Apokalypse skizziert: Davon zeugen die Lesesuchtdebatten im 18. Jahrhundert, die Kritik an der Unterhaltungskultur durch die Frankfurter Schule oder die gegenwärtigen Problematisierungen von Computerspielen und einem nicht-nachhaltigen Konsum, wogegen man aus einer rationalen Sichtweise natürlich nichts einwenden kann.
Die britische Sozialanthropologin Mary Douglas hat darauf hingewiesen, dass Identität und Werthaltungen immer symbolisch durch Konsum – Kleidung, Essen, Trinken, Freizeit etc. – ausgedrückt werden, wovon konsumkritische Haltungen selbstverständlich nicht ausgenommen sind. Die gegenwärtig aufstrebenden Eliten im Westen zeichnen sich vor allem durch einen «unauffälligen Geltungskonsum» aus, wie ihn die US-amerikanische Soziologin Elizabeth Currid-Halkett nennt. Sie meint damit postmaterielle Werte wie Nachhaltigkeit, die distinktiver wirken als plumpes materielles Geprotze. Zukünftig dürften west- liche normative Diskurse über Konsumkultur allerdings an Bedeutung verlieren. Wenn einstige Schwellenländer ökonomisch zu prosperieren beginnen und dort neue urbane Hotspots entstehen, entwickeln sich auch neue Konsummuster und Konsumdiskurse.
Nun zu den Beiträgen in diesem Magazin: Jörg Scheller, Kunsttheoretiker von der Zürcher Hochschule der Künste, behandelt in seinem Artikel die problematischen Konnotationen und moralischen Bewertungen, die dem Konsumbegriff anhaften – und er plädiert dafür, vor lauter Gefahren des Konsums für die Menschheit den Menschen selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Die Soziologen Florian Elliker und Niklaus Reichle von der Universität St. Gallen (HSG) behandeln in ihrem Artikel den Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen, wobei sie einen Graben ausmachen zwischen dem oftmals alltagsweltlich unproblema- tischen Konsum dieser Substanzen und ihrer Problematisierung von Seiten des Rechts und der Massenmedien. Elliker und Reichle plädieren für eine Debatte, wie mit diesen Substanzen in Zukunft umzugehen sei. Die Politologin und Designerin Larissa Holaschke beschäftigt sich in ihrem Artikel mit den LGBTIQ+-Communities, deren Symbole auch in Werbungen von Unternehmen auftauchen, die sich weltoffen und progressiv darstellen möchten. Dies tun sie allerdings vorwiegend in Westeuropa, und etwa nicht in Gesellschaften, wo heteronormative Werte propagiert werden, weshalb man diesen Unternehmen Opportunismus vorwerfen kann. Stefan Baumann, Wirtschaftspsychologe und Gründer der Agentur STURMundDRANG in Hamburg, skizziert in seinem Beitrag, wie die gegenwärtige Pandemie kulturelle Konsummuster in den nächsten Jahren verändern dürfte. Die Kommunikationsdesignerin Hanna Hodžić beschäftigt sich mit Prothesen, die nicht nur funktional bzw. problemlösend eingesetzt werden, sondern die zu Lifestyle-Produkten mutieren, womit einst stigmatisierende Objekte durch einen ästhetischen Wandel positiv konnotiert werden. Dies führt zu neuen Identitäten, in die menschliche Körper, Technologien und Objekte verwoben sind. Der Strategieberater Patrick Wilhelm geht der Frage nach, welche Potenziale «Smart Services» im Retail-Bereich bieten.
Und last but not least zwei Hinweise: Die vierte Ausgabe dieses Magazins, die jeweils mit Studierenden von «Trends & Identity» realisiert wurde, erscheint dieses Jahr nicht, da die Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste nicht weitergeführt wird. Wir danken der Studienleitung – insbesondere Prof. Katharina Tietze – und den Studierenden für die langjährige Zusammenarbeit und die inspirierenden und anregenden Ausgaben. Aktuell sind wir daran, eine neue Kooperation mit einer Bildungsinstitution zu entwickeln.
Nach 13 Jahren gebe ich die Chefredaktion mit diesem Magazin ab. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den swissfuture-Mitgliedern, dem Vorstand, den ehemaligen und gegenwärtigen Co-Präsidenten für ihr Vertrauen danken. Die inhaltlichen Diskussionen und der Austausch im Vorstand waren stets lebendig und inspirierend! Ein grosser Dank geht an die Autoren und Autorinnen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, die hier brillante Texte publiziert und Zukunftsperspektiven skizziert haben. Ebenfalls danken möchte ich der Grafikerin Andrea Mettler und dem Korrektor Jens Ossadnik; unter nicht immer einfachen Umständen haben sie den fundamentalen Beitrag geleistet, ohne den dieses Magazin nicht realisierbar gewesen wäre. Die Chefredaktion wird neu von Larissa Holaschke übernommen, die – in Kooperation mit dem Editorial Board – das Magazin kon- zeptionell neu ausrichten und ihm mehr digitale Präsenz geben wird. Bleiben Sie uns treu.

Viel Lesespass, Francis Müller

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