10-MILLIONEN-SCHWEIZ – Editorial 2/2016

10-MILLIONEN-SCHWEIZ – Editorial 2/2016

Liebe Leserinnen und Leser,
vor einem Jahr hat das Bundesamt für Statistik (BFS) die Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung revidiert. Im Gegensatz zu Prognosen verweisen Szenarien auf mögliche Entwicklungen, denen bestimmte Hypothesen zugrunde liegen. Da diese Hypothesen aber variierbar sind, sind Szenarien immer im Plural zu denken. Entsprechend hat das BFS drei Szenarien entwickelt. Im mittleren «Referenzszenario» wird die Schweiz zwischen 2035 und 2040 eine ständige Wohnbevölkerung von 10 Millionen Menschen haben. Raymond Kohli vom BFS erläutert in seinem Beitrag die Hintergründe und Herleitungen der Szenarien.
Wohlbemerkt: Eine «Wild Card» kann plötzlich alles verändern. Wir blenden in diesem Magazin Wild Cards aber bewusst aus und setzen uns mit den Folgen auseinander, welche die Bevölkerungsszenarien des BFS für die Schweiz haben werden. Diese Folgen sind immens – und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen: Ein Bevölkerungswachstum ist nicht nur mit Fragen um Raum und Infrastruktur verbunden, sondern auch mit sozialen und kulturellen Fragen. Wir haben versucht, relevante Konsequenzen der Bevölkerungsszenarien zu thematisieren; wohlwissend, dass diese Konsequenzen kontingent sind: Es sind auch andere denkbar.
Der Zukunftsforscher Georges T. Roos beleuchtet verschiedene dieser Folgen in seinem Artikel – von ökonomischen, technologischen Aspekten bis hin zu sich wandelnden Werten. Die Soziologin Monika Potkanski thematisiert in ihrem Beitrag die Alterung: Aufgrund der hohen Migration in der Schweiz wird die kulturelle Diversität innerhalb der älteren Generationen zunehmen. Hans-Georg Bächtold, Geschäftsführer des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA), zeigt in seinem Artikel, zu welchen Herausforderungen in der Raumplanung diese Entwicklung führt, wobei er in diesem Zusammenhang besonders die Bedeutung der kulturellen und sozialen Aspekte betont. Der Futurologe Daniel Stanislaus Martel behandelt in seinem Artikel die zur Verfügung stehende Fläche und die Mobilität. Das sind Phänomene, die im Zuge des durch Migration bedingten Bevölkerungswachstums oftmals artikuliert werden und die offensichtlich auch Ängste auslösen. Andreas Wittmer vom Center for Aviation Competence der Universität St. Gallen betont die sozioökonomische Bedeutung von Flughäfen – ein wichtiger Aspekt, der in den Lärmdiskussionen wie in Zürich oftmals vergessen wird. Der Ökonom Reiner Eichenberger wägt ab zwischen ökonomischen Vorteilen und Risiken des bedingten Bevölkerungswachstums – und er schlägt drei Massnahmen in den Bereichen Alterung, Zuwanderung und Verkehr vor. Benjamin Moser, Mitbegründer der «Senior Design Factory», geht von der These aus, dass die Alterung der Gesellschaft zu veränderten Konsum- mustern führen wird – und er geht der Frage nach, welche Herausforderungen dies fürs Design bedeutet.
Die Theologin Andréa Belliger, Prorektorin der Hochschulleitung der Pädagogischen Hochschule Luzern, illustriert in ihrem Artikel, wie technologische Innovationen die Wahrnehmung des Alters verändern, was zum Beispiel in der Quantified-Self-Bewegung zum Ausdruck kommt. Der Soziologe Peter Streckeisen fragt in seinem Beitrag, welche möglichen Folgen das vom BFS skizzierte Bevölkerungswachstum haben könnte, und er spekuliert anhand der vier swissfuture-Szenarien «Ego», «Clash», «Bio Control» und «Balance» über diese Frage. Nicht zuletzt plädiert er dafür, statt die einseitige Fokussierung auf die «Überalterung» andere Faktoren – etwa das Bildungsniveau – zu reflektieren.
Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre.
Georges T. Roos und Francis Müller

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