ZUKUNFT DER RELIGION – Editorial 01/2016

ZUKUNFT DER RELIGION – Editorial 01/2016

Liebe Leserinnen und Leser,
in der europäischen Philosophie im 19. und frühen 20. Jahrhundert galt das Verschwinden der Religion als ausgemachte Sache. Modernität und Religion, so die Annahme, sind nicht miteinander kompatibel. Wir finden diesen Ansatz im Atheismus von Feuerbach, im Materialismus von Marx, in der Gottgleichheit des Menschen bei Nietzsche und bei der religiösen Illusion von Freud.
Wenn wir die gegenwärtige globale Situation betrachten, dann wird diese Annahme sehr deutlich widerlegt. Die These vom «Zurück der Religion» trifft die Sache allerdings nur bedingt, weil sie impliziert, dass die Religion überhaupt erst einmal verschwunden war. Aber war dies jemals der Fall? Die Idee, dass Europa die Säkularisierung antizipiert hat, die danach globalisiert und universalisiert wird, ist eurozentrisch gebaut. Zur europäischen Säkularisierung kam es unter anderem aufgrund des Dreissigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert. Andere Gesellschaften haben diese Traumata mit Religion nicht gemacht – und folglich haben sie ein anderes Verhältnis zur Religion.
Wir behandeln in diesem Magazin die Zukunft der Religion. Was ist Religion überhaupt? In den Religionswissenschaften gibt es substantiale Definitionen von Religion, die von subjektiven Erfahrungen ausgehen (z. B. William James), und funktionale, bei denen Problemlösungsaspekte im Vordergrund stehen (z. B. Emile Durkheim). Von der Religionswissenschaftlerin Eileen Barker stammt die Unterscheidung von «Belonging» und «Believing». Erstes bezeichnet die formale Zugehörigkeit zu einer Religion, Zweites eine individualisierte Religion, die nicht mehr auf Institutionen angewiesen ist.
Wir behandeln hauptsächlich zukunftsrelevante Dimensionen von abrahamitischen Religionen; also von Christentum, Judentum und Islam. Dies als eurozentrische Sichtweise zu kritisieren, wäre nicht angebracht. Besonders in der südlichen Hemisphäre unserer Welt verbreitet sich besonders das Christentum enorm. Auch werden die abrahamitischen Religionen spätestens seit 09/11 stark politisch aufgeladen, was gegenwärtig in Europa in den islamophoben Diskursen zum Ausdruck kommt.
Es freut uns sehr, dass wir namhafte Autorinnen und Autoren haben gewinnen können: Anaïd Lindemann und Jörg Stolz gehen in ihrem Artikel aus einer religionssoziologischen Perspektive auf die religiöse Situation in der Schweiz ein, die von Individualisierung, Säkularisierung und Pluralisierung geprägt ist. Lindemann und Stolz arbeiten verschieden gegenwärtige und zukunftsrelevante Typologien im Verhältnis zur Religion heraus: die Institutionellen mit starker religiöser Bindung, die alternativ Religiösen, die Distanzierten und die Säkularen. Der Soziologe Hans Joas behandelt Zukunftsthesen zum Christentum: Milieuauflösung, implizite Religion und Globalisierung des Christentums. In meinem Beitrag zeige ich am Beispiel des ICF (International Christian Fellowship) in Zürich, wie evangelikale Identität konstruiert wird – und weshalb sie Individualisierungs- und Subjektivierungstendenzen begünstigt.
Der Islamwissenschaftler und Historiker Andreas Tunger-Zanetti behandelt in seinem Artikel am Beispiel des Islams die Anerkennung von Religion, die er in eine öffentlich-rechtliche und eine gesellschaftliche unterscheidet. Seine These lautet, dass die gesellschaftliche Anerkennung zur öffentlich-rechtlichen führt. Auch Yahya Hassan Bajwa beschäftigt sich mit der Zukunft des Islams. Er skizziert zwei Zukunftsszenarien des Islams in der Schweiz: ein Szenario der Angst und eines der gelungenen Integration. Die Erziehungswissenschaftlerin Miryam Eser Davolio thematisiert in ihrem Beitrag mögliche Präventionsstrategien gegen die jihadistische Radikalisierung von Jugendlichen, die ein hohes Risiko für unsere Gesellschaft darstellt.
Andreas M. Walker, Zukunftsforscher und Co-Präsident von swissfuture, fragt in seinem Artikel nach den Auswirkungen der swissfuture-Studie «Wertewandel in der Schweiz 2030. Vier Szenarien» für die Kirchen. Am Beispiel des Islams und des Katholizismus zeigt der Theologe und Islamwissenschaftler Samuel M. Behloul, dass Migration nicht nur zu einer gesellschaftlichen Pluralität von Religion führt, sondern auch religionsintern pluralisiert. Der Theologe und Psychologe Urs Winter-Pfändler beleuchtet in seinem Beitrag, wie Politiker und Politikerinnen das Verhältnis zur Religion betrachten; also ob eine radikale Säkularisierung (wie in den USA oder in Frankreich) oder eine Parteiergreifung der Kirche in politischen Fragen überhaupt erwünscht sind. Der Historiker Simon Erlanger behandelt die Zukunft des Schweizer Judentums, das – aufgrund von Auswanderung und Assimilation – schrumpft. Wir beobachten schon länger neue Spielformen des Antisemitismus, der oftmals im Gewand der Israelkritik daherkommt.
Dass sich Religion nicht auf ihre institutionalisierte Form reduzieren lässt, zeigen die zwei Soziologinnen Regine Herbrik und Heike Kanter: Sie setzen sich kritisch mit dem inflationär benutzten Begriff der Nachhaltigkeit auseinander, der auf eine ungewisse Zukunft verweist und der normativ verwendet wird – eine Art «Diesseitsreligion» also. Der Theologe und Philosoph Harald Matern geht in seinem Artikel nicht nur der Zukunft der Religion nach, sondern der Frage, wieso diese für den Westen überhaupt derart relevant ist. Er sieht die Religion weniger als Gefahr für den westlichen säkularen Universalismus, sondern als Chance: Er plädiert für eine «theologische Intervention» – für eine reflexive Religion, die aus ihrer Geschichte lernt.
Ich wünsche Ihnen eine anregende und inspirierende Lektüre.
Francis Müller

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