ZUKUNFT DER KRIEGE – Editorial 02+03/2015

ZUKUNFT DER KRIEGE – Editorial 02+03/2015

EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser,

in den frühen 1990er-Jahren schrieb der Historiker Francis Fukuyama seine These des Endes der Geschichte. Gemeint war damit, dass die Demokratie nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Realsozialismus quasi alternativlos werde. Fukuyama bezog sich dabei auf die These von Immanuel Kant vom «ewigen Frieden»: Irgendwann wird die Menschheit zur Einsicht kommen, dass der Krieg überwunden werden muss.
Krieg ist aber – leider! – weiterhin eine traurige Realität. Zwar erfordern moderne kriegerische Konflikte längst nicht mehr so viele Tote wie die zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert. Aber in Jemen, Syrien, Nigeria, im Kongo, in der zentralafrikanischen Republik, in der Ukraine und in einzelnen Gliedstaaten Mexikos fordern kriegerische Konflikte nach wie vor unzählige Tote. Das Konfliktbarometer des Heidelberger Institutes für Internationale Konfliktforschung nennt für 2014 223 gewaltsame Konflikte, wovon es 21 als Kriege und 25 als begrenzte Kriege bezeichnet.

Wir behandeln in diesem Magazin die Zukunft des Krieges. Das ist kein angenehmes Thema. Besonders im deutschsprachigen Raum tut man sich sehr schwer mit der intellektuellen Auseinandersetzung mit Krieg, was in der angelsächsischen Welt anders ist: Wer dort in eine Buchhandlung geht, sieht «War History» meist als eigenständige Kategorie. Uns geht es natürlich nicht um die Geschichte, sondern um die Zukunft des Krieges. Offensichtlich haben wir ein Thema aufgegriffen, das viel Resonanz auslöst. Die Relevanz für unsere Disziplin – die Zukunftsforschung – zeigt sich darin, dass sie wesentlich im militärischen Umfeld in den USA entstanden ist. Viele technische Innovationen sind im militärischen Umfeld finanziert und entwickelt worden, die danach in ziviler Nutzung stark verbreitet wurden. Das Internet wäre als ein Beispiel zu nennen. Übrigens eilten auch schon in der Antike die griechischen Könige zum Orakel von Delphi, um eine Prognose für anstehende Kriege zu erhalten.

Wir haben zahlreiche hochkarätige Autoren für diese Nummer gewinnen können. Ihr Hintergrund und ihre Themen sind so vielseitig wie die Facetten der zukünftigen Kriege.

Einige Aufsätze sind grundsätzlicher Natur: Bundesrat Ueli Maurer, der Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, legt in einem Vorwort sein Verständnis einer Armee in einer modernen Welt dar. Anhand von zwölf Thesen erläutert ein Autorenkollektiv von Armeestabsoffizieren, dem auch unser Co-Präsident Andreas M. Walker angehört, wie sich der traditionelle Krieg zu asymmetrischen Konflikten und hybriden Bedrohungen weiterentwickeln wird. Mauro Mantovani, Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich, beschreibt spezifische Technologien, die moderne Kriege auszeichnen. Brigadegeneral a.D. Erich Vad, Bundeskanzlerin Angela Merkels langjähriger militärischer Berater, erläutert sich verändernde Kriegsbilder. Håvard Hegre vom Peace Research Institute in Oslo untersucht die historische Abnahme von kriegerischen Konflikten und erstellt Prognosen über zukünftige Entwicklungen.

Technischer Fortschritt ist ein wichtiger Treiber für zukünftige Kriege. So schreibt Didier Schmitt vom Directorate for Security Policy and Conflict Prevention der Europäischen Union über den Kriegseinsatz von Robotern, Luca del Monte von der European Space Agency über Weltraum-Kriege und Florian Schütz von der RUAG über Military Cyber Power. Ein Artikel von GSOA-Sekretär Thomas Leibundgut über Drohnenkrieg und von Mario Stoller und Christian Herren von Saab Bofors Dynamics über Waffentechnologien der Zukunft runden diesen Bereich ab.

Doch nicht nur Technik, sondern auch das Verständnis staatlicher Institutionen ist ein wichtiger Treiber. So hinterfragt Christian Bühlmann vom Geneva Centre for Security Policy, inwiefern die neuen Konflikte das Staatsverständnis verändern werden. Und Stefan Blättler, der Präsident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten, erläutert, wie nicht nur die Aufgabe der Armee, sondern gerade auch der Polizei als staatlichem Sicherheitsorgan einem grossen Wandel ausgesetzt ist.

Zahlreiche Sonderaspekte prägen die Frage nach dem zukünftigen Krieg. Sundeep Waslekar, Präsident des indischen Think Tanks «Strategic Foresight Group», schreibt über ökologische und soziale Folgen von Konflikten, der Politologe Daniel Stanislaus Martel über Ressourcenkriege. Ariel Wyler vom Staatssekretariat für Internationale Finanzfragen in Bern behandelt finanzielle Dimensionen des Krieges und der amerikanische Kriegsveteran John B. Alexander erläutert die Bedeutung von nichttödlichen Waffen.

Aufgrund der zahlreichen Beiträge haben wir uns entschlossen, eine Doppelnummer (02+03/2015) zum Thema «Kriege der Zukunft» zu machen. Zweifellos ist die Verhinderung bzw. Minimierung von kriegerischen Konflikten eine der ganz grossen Herausforderungen für die Menschheit.
Dr. Andreas M. Walker und Dr. Francis Müller

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