DIE ZUKUNFT DES MANNES 01/04 Editorial

DIE ZUKUNFT DES MANNES 01/04 Editorial

Liebe Leserinnen und Leser

Männern wird eine düstere Zukunft prophezeit: Sie leiden schon jetzt unter Orientierungslosigkeit, Verunsicherung und als männlich geltende Eigenschaften werden oftmals pathologisiert. Männer gelten als suchtanfälliger, gewalttätiger, suizidanfälliger und grundsätzlich als problematischer als Frauen. Sie verlieren Privilegien, die über Jahrhunderte als Grundlage ihres Selbstverständnisses fungierten.
Die amerikanische Soziologin Hanna Rosin vertritt gar die These vom «Ende der Männer». Ihr gleichnamiges Buch hat in den USA grosse Debatten ausgelöst. Auch wir beschäftigen uns in diesem Magazin mit der Zukunft des Mannes. Einmal mehr haben kompetente und renommierte Autoren und Autorinnen kontroverse Meinungen zu unserem Thema beigesteuert. Dass es sich dabei beim Mann als soziale Identität um eine anthropologische Konstante handelt, davon ist grundsätzlich nicht auszugehen, zumal eine historische und kulturelle Perspektive Differenzen aufweist. Simone de Beauvoir sagte: «Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.» Dasselbe trifft für den Mann zu: Aus der Perspektive des sozialphilosophischen Pragmatismus ist jede Form der Identität «angeeignet» – auch die männliche.
An diesem Punkt setzt der Männerexperte Markus Theunert in seinem Beitrag an: Er verweist auf die Diskrepanz von Rollenmustern und individuellem Lebensentwurf. Der Mann lässt sich nicht «als solcher» definieren, denn männliche Identität kommt erst als Kontrastfolie zur Frau in die Welt. Solange der Mann jedoch als Norm fungiert und die Frau als Abweichung, so Theunert, bleibe gewissermassen alles beim Alten: «Männern müsste es gelingen, aus dem historisch verständlichen, aber nicht mehr haltbaren Selbstverständnis auszubrechen, den gesellschaftlichen Nullpunkt zu markieren, von dem aus Abweichungen (Frauen, Kinder, Behinderte…) berechnet werden können.»
Dass der «weisse bürgerliche Mann» seit der Kolonialisierung die Referenz zur Konstituierung von abweichenden Identitäten fungiert, darauf verweist auch Heinz-Jürgen Voss in seinem Artikel. Dieses Muster – so der Biologe – ist noch heute eine identitätsbildende Folie, mit der auch ethnische Stereotype bestimmt werden, die unter anderem bei militärischen Interventionen als Legitimation herbeigezogen werden.
Der Soziologe und Männerexperte Walter Hollstein plädiert in seinem Artikel dafür, dass Männerforschung mehr sein muss als nur eine auf Männer umgewandelte Frauenforschung, sondern dass sie eine eigene akademische Disziplin werden muss, in der männliche Kernthemen untersucht werden; zum Beispiel oben erwähnte Tatsache, dass Männer häufiger Suizid begehen als Frauen oder dass sie vermehrt Beziehungen verweigern. Der öffentliche Blick sei «frauenfixiert».
Zu einem ähnlichen Befund kommt der Anwalt Valentin Landmann in seinem Beitrag, der ein ethisch und juristisch heikles Thema aufgreift: Landmann behandelt die Vergewaltigungs-Anzeige in der Partnerschaft, die auch als Waffe eingesetzt werden kann, weil allein der Verdacht oftmals in eine menschliche Katastrophe führt. Er stellt fest, dass Gerichte nur mit grösster Vorsicht – aus Angst vor politischer Korrektheit – Aussagen von Frauen in Frage stellen.
Im Sinne der Wertewandel-Forschung ist der Beitrag von Nina Wehner, Diana Baumgarten und Andrea Maihofer vom Zentrum «Gender Studies» der Universität Basel sehr interessant. Die Forscherinnen erkennen in ihren empirischen Studien bei Männern nicht mehr nur ein traditioneller «Familienwunsch», sondern einen «Kinderwunsch»: Das bedeutet, dass Männer ihr Erwerbsleben zunehmend nach den Bedürfnissen der Familie ausrichten – und sich von der Rolle des Ernährers verabschieden.
Der Autor Michael Rüegg behandelt die Homosexualität: Zu Recht unterscheidet er zwischen homosexueller Praxis, die eine anthropologische Konstante ist, und zwischen Homosexualität als gesellschaftliches Phänomen, die 1968 in westlichen Gesellschaften entstanden ist. Er geht insbesondere auf die Homophobie in Russland und in Afrika ein, deren gesellschaftliche bzw. politische Akzeptanz zum Gegenstand von Menschenrechtsfragen wird. Er verweist auf einen Wertewandel in westlichen Gesellschaften: Waren Homosexuelle vor Jahrzehnten noch eine Szene, so geht es heute eher um Beziehungen und um Kinderwunsch.
Der Wiener Soziologe Otto Penz erkennt eine zunehmende Sexualisierung des männlichen Körpers, was auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt hat. Mit dem Wandel von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften werden Männer zunehmend nach ihrem äusseren Erscheinungsbild «bewertet». Es kommt zu einem «Gay Lifestyle» heterosexueller Männer. Männer übernehmen also das traditionell den Frauen zugeschriebene «Schönheitshandeln», das sie als «zweckorientiertes Arbeiten am Körper» definieren, während Frauen Natürlichkeit betonen.
Tatsache ist: Geschlechterrollen ändern sich – und sie werden sich weiter ändern. Das sorgt für Irritation. In Zeiten der Verunsicherung bezieht man sich gerne auf eine Vergangenheit, die es aber – wie es Andreas M. Walker in seinem Beitrag – so nie gab. Der Zukunftsforscher erkennt in der europäischen Geschichte eine Vielzahl von männlichen Identitätsmustern – vom Mann als gehorsamen Soldaten und anspruchslosen Fabrikarbeiter. Er entwickelt Angst-Thesen, die er mit Hoffnungs-Thesen kontrastiert. Schliesslich sei Zukunft «kein fremdbestimmtes Schicksal», so Walker, sondern «eine Konsequenz aus gesellschaftlichen und individuellen Handlungen».
Die Autoren und Autorinnen dieses Magazins vertreten pointierte, kluge und kontroverse Positionen zu männlicher Identität – und sie verweisen auf verschiedene mögliche Zukunftshorizonte.
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre.
Francis Müller

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